is loading
DE EN

Valeri Rosomako – Untergrund Interview

„Ich probiere mich einfach von Standards und Trends freizumachen, und in alle Richtungen zu gucken.“ Bei der Frage, welche Skater man denn für ein Video auswählen sollte, waren wir uns schnell einig, dass Valle als Vertreter der Hauptstadt auf jeden Fall dabei sein muss. Der leichtfüßige Wizard aus Kreuzberg steht seit Jahren für innovatives Streetskaten, gepaart mit einer äußerst soliden Trickhärte. Und zwar obwohl er sich seit Langem Quartersnacks Merksatz „If you can’t ollie up it, don’t ollie down it“ in sein imaginäres Formelheft geschrieben hat. Beste Voraussetzungen also, um mal wieder herrlich tiefschürfend über Skateboarding zu philosophieren, bis die Augen bluten.

Valle, du warst dieses Jahr mit Sergej [Vutuc], Francisco [Saco] und ein paar Freunden in Israel. Wie kam es dazu?

Die Überlegung war, mit verschiedenen Leuten aus verschiedenen Ländern an einen Ort zu fahren, an dem man noch nicht gewesen ist, das war Sergej wichtig. Sam Partaix aus Frankreich, der zu der Zeit in Berlin gewohnt hat, Laurence Keefe, der eigentlich aus England kommt, aber die letzten Jahre in Tokyo lebt, Nich Kunz, ein Skater aus San Francisco, ich, aus Deutschland und als Mediateam Francisco [zu der Zeit ebenfalls Berliner; Anm. d. Red.] aus Costa Rica und Sergej, der zwar schon lange in Deutschland lebt, aber ursprünglich vom Balkan kommt, waren dabei – also eine sehr bunte Truppe, die Sergej zusammengestellt hat. Außer Sam, Francisco und Sergej kannte ich eigentlich niemanden, und obwohl die meisten sich vorher nie gesehen hatten, war das Klima super. Wir haben schnell festgestellt, dass wir alle sehr eigene Vorstellungen von Skateboarding haben und zusammen eigentlich „a bunch of weirdos“ sind – deswegen stand die Tour auch von Anfang an unter dem Banner „Weirdo Tour“. Wenn die Locals uns zu irgendwelchen perfekten Curb-Plazas gebracht haben, meinten wir dann immer, „ok let’s skate it, but the next spot has to be weird“, und so sahen dann auch die meisten Spots aus, die wir ab da geskatet sind.

Inwiefern haben sich eure eigenen, vielleicht etwas ausgefallenen Vorstellungen untereinander geglichen oder unterschieden?

Ich glaube, es gab einen gemeinsamen Nenner, der darauf beruhte, ausgefallene Sachen zu skaten, aber trotzdem war jeder in seiner Art zu skaten ganz unterschiedlich. Sam zum Beispiel fährt gerne Bowls und Trannies, Nich ist eher der schnelle und präzise Streetskater, der in San Francisco groß geworden ist und mit seinen Downhillskills einfach alles gebombt ist und Laurence war der Reise-Guru unter uns, der eh schon überall gewesen ist und jeden Schrott zu skaten weiß, da habe ich dann auch gerne mitgemacht.

Was macht für dich einen interessanten Spot aus?

Naja, dass es einen besonderen Anspruch gibt, ihn zu fahren. Für eine der abgefahrensten Sessions sind wir zum Beispiel in eine andere Stadt gefahren und auf dem Weg meinten die Locals, dass es direkt an der Autobahn eine skatebare Skulptur gibt. Wir haben dann das Auto direkt auf dem Standstreifen abgestellt und sind erst mal eine Stunde so ’ne abgefahrene Blech-Trannie-Skulptur gefahren.

Valeri Rosomako – Gap to 5-0

Gap to 5-0

Das heißt, in dem Fall war das Zum-Spot-gelangen schon etwas Besonderes.

Genau. Außerdem stand das Teil auf einem Podest, man musste durch Büsche anrennen und kurz vorher aufs Board springen und ’ne steile Trannie hochfahren. Und trotzdem hatte da jeder Spaß und niemand hat irgendwem die Tricks weggenommen, weil alle ganz anders an das Teil herangegangen sind. Ich glaube, wenn man mit einer Gruppe, die ähnliche Skills hat, zu einem perfekten Rail kommt und einer davon macht irgendeinen krassen Trick, der die anderen in den Schatten stellt, dann setzen sich einige eher hin und gucken zu.

Dein letztes großes Feature in einem Magazin ist ja schon was länger her. Wie hast du dich in der Zwischenzeit als Skater verändert?

Früher meinte man noch bestimmte Sachen machen zu müssen, was zum Beispiel die Härte der Tricks anbelangt. Mittlerweile probiere ich mich einfach von Standards und Trends freizumachen und in alle Richtungen zu gucken und mein Skaten zu pushen, wie es mir Spaß macht. Es gab z.B. eine Zeit, wo alle Slappy Noseslides abgefeiert haben und ich habe es natürlich auch probiert. Aber die Bewegung steckt nicht in mir drin, deshalb habe ich damit aufgehört. Wenn sich die Bewegung gut angefühlt hätte, wäre ich dabei geblieben und hätte auch Slapy Crookeds versucht. Es ist nämlich immer noch so, dass ich immer neue Tricks lernen möchte. Schon als Kid habe ich selten Tricks perfektioniert, sondern schnell neue Sachen versucht und heute ist es sogar oft so, dass ich Tricks beim Filmen zum ersten Mal stehe. Manchmal passieren mir beim Filmen „Unfälle“, sodass sich das Board komisch flipt und je nachdem was man gerade für einen Trick probiert, fühlt sich der Trick, der gerade beinahe passiert wäre besser an und dann mach ich da weiter. Gerade Dan [Filmer] hat es jetzt oft mitgekriegt, dass ich einen Trick probiere und den dann irgendwann aufgebe und stattdessen was ganz Anderes mache. Ich glaube, das ist dann besser als sich zu verbeißen und auch für Filmer oder Fotografen spannender. Man hat plötzlich eine komplett neue Situation. Das meine ich u.a. auch mit Freimachen von Standards. Das ist nicht immer nur von Vorteil, weil man manchmal sein Vorhaben zurückschraubt und was Einfacheres probiert, aber manchmal passieren auch spannende Sachen, weil man der Kreativität den Raum gelassen hat.

Das sieht man deinem Part definitiv an. Geht es dir eigentlich mittlerweile mehr um die Spots als um die Tricks? Und würdest du so weit gehen, dass es weniger Sinn macht, einen Spot mehrmals zu fahren, weil es unterm Strich darauf ankommt, den Raum, den die Stadt bietet, der sich immer wieder verändert, so gut es geht als Ganzes zu skaten?

Also es geht schon zu einem großen Teil um die Art der Spots und ständig neue zu skaten und zum anderen geben die Spots mittlerweile auch stärker die Tricks vor. Sie inspirieren einen stärker. Ein perfekter Curb Plaza pusht mich weniger, als wenn ich mit Freunden in irgendeiner Seitenstraße einen neuen Spot finde, der sich einzigartiger anfühlt und meistens auch besser auf Foto oder Video aussieht. In dem Jahr als wir angefangen haben für Untergrund zu filmen, kam gerade das Video von Jo [Peters, Propeller Island; Anm. d. Red.] raus und trotzdem oder gerade deswegen war es mir wichtig, für euer Video noch mal neue Spots zu finden, weil es mich wahrscheinlich gelangweilt hätte, an denselben Spots noch mal andere oder bessere Tricks zu versuchen. Ich habe auch nicht mehr oft die Geduld oder manchmal auch nicht die Zeit einen bestimmten Trick stundenlang zu probieren. Es macht mir mehr Spaß einen einfacheren Trick schön schnell zu machen, weil es sich besser anfühlt. Aber ich würde nicht so weit gehen, es komplett auszuschließen bestimmte Spots mehrmals zu skaten. Wenn ein Spot cool ist und mir Spaß macht, dann gehe ich da auch gerne noch mal hin und probiere einen neuen Trick oder den Spot auf eine andere Art und Weise zu skaten. Das ist ja auch ein interessanter Prozess. Es macht für mich keinen Sinn nur neue Spots zu fahren, obwohl die eigentlich viel schlechter zu skaten sind. Bei Sergejs Spotideen steht man manchmal mit einem riesen Fragezeichen im Kopf davor, obwohl er da irgendeine Vorstellung hat, und man denkt sich, das Ganze ist einfach mit viel zu viel Aufwand verbunden. Da kommt dann eher der Künstler und weniger der Skatefotograf bei Sergej zum Vorschein und man erkennt seine puristische Denkweise.

Wie kam es denn zu der Propeller-Sequenz an der Baustelle in SOLO #3? Fährst du noch oft an diesem Local-Spot?

Die Baustelle ist tatsächlich einer der wenigen Spots, die ich noch gerne regelmäßig skate. Die Propeller-Sequenz hat sich eigentlich dadurch ergeben, dass wir in Israel viel mit Sergej geskatet sind, weil er an jedem Spot mit uns eine Session hatte, bevor er Fotos gemacht hat. Er hat viele dieser verrückten One-Foot-Tricks gemacht und so kam es, dass ich den Propeller in einer anderen Variation schon in Israel gemacht habe.

Skateboarding als Trendsport ist vielleicht nicht mehr besonders „underground“, aber Skateboarding selbst schon

Witzig, dass du das sagst. Ich wollte nämlich fragen, ob Sergej dich beeinflusst hat, seitdem er in Berlin ist?

Ich glaube, diese spielerische Herangehensweise an Spots habe ich bei ihm ganz gut gesehen. Wie schon gesagt, fand ich es auf Tour mit ihm cool, weil nie irgendjemand direkt einen harten Trick versucht hat. Alle sind einfach zusammen geskatet und während der Session hat sich dann bei irgendwem eine Idee für einen coolen Trick entwickelt und erst dann hat Sergej seine Kamera genommen und ein Foto gemacht. Das waren also ganz natürliche Prozesse, wie die Fotos entstanden sind. Bei anderen Fotografen ist es ja meistens so, dass man vorher schon sagen soll, wo man welchen Trick machen möchte, weil viele Fotografen natürlich wissen müssen, ob sich der Aufwand lohnt. Man steigt aus dem Auto aus und dann werden die Blitze aufgebaut – das finde ich nicht so gut. Und genau dieses Freimachen von Abhängigkeiten, Normen und Maßstäben bei Sergej hat mich beeinflusst. Das gilt nicht nur fürs Skaten – auch wie er auf fremde Leute zugeht, wie er Kontakt mit Menschen kriegt, durch die sich dann coole Sachen ergeben, hat uns als Gruppe inspiriert. Wir sind da hingekommen, ohne Schlafplatz und ohne jemanden zu kennen und durch Sergej haben wir direkt die coolste Crew kennengelernt. Die waren dann zwei Wochen mit uns unterwegs, sind mit uns in andere Städte gefahren, haben uns dort wieder neue Leute vorgestellt und sind diesen Sommer nach Berlin gekommen und wir haben dann hier mit ihnen das Gleiche gemacht. So hat man sich gegenseitig etwas geschenkt.

Wie hat sich Berlin deiner Meinung nach als Skateboardstadt in den letzten zehn Jahren verändert?

Früher, als es noch die ganzen Spots rund um das Kulturforum gab, wurde eigentlich auch nur dort geskatet und alles war eins. Mittlerweile hat sich Skaten ja generell in verschiedenen Richtungen weiterentwickelt. Dadurch und den großen Zuzug nach Berlin haben sich über die Jahre verschiedene Crews mit verschiedenen (Local-) Spotvorlieben entwickelt und so gibt es nun nicht mehr ein oder zwei große, sondern ganz viele kleinere Crews, die sich über die ganze Stadt verteilen, aber sich gegenseitig respektieren. Eine andere Entwicklung ist, dass in den letzten Jahren immer mehr Plätze bzw. Parks zum Skaten entstanden sind, was man sowohl positiv als auch negativ sehen kann. Mit dem Park auf dem Tempelhofer Feld, der Hasenheide, dem Maybachufer, dem Wassertorplatz, dem Böcklerpark und dem Projekt von Adidas am Dogshit-Spot gibt es so viele in der Bevölkerung anerkannte Skatespots, dass man von Bewohnern immer öfter an solche Plätze verwiesen wird. Das macht Streetskaten ein klein wenig schwieriger, ganz abgesehen von der Bequemlichkeit der Skater, die sich bei so vielen guten Möglichkeiten schnell einstellt. Manchmal kommt es mir schon fast wie ein kleines Kopenhagen vor, wo man an jeder Ecke irgendeinen Skatepark hat. Natürlich verleitet einen das, länger im Park abzuhängen, aber ich glaube, die meisten sind am Ende doch so motiviert, dass sie lieber streetskaten gehen. Zumindest für uns ist es auf jeden Fall interessanter, weil du jedes Mal mindestens eine coole Story mit nach Hause bringst, egal ob dich irgendein Opi anschnauzt oder jemand, der überhaupt kein Deutsch spricht, dich in ein Gespräch verwickelt und es auch mal ausprobieren will, weil er skaten feiert. Ich würde schon sagen, dass der Großteil der Leute eher tolerant eingestellt ist.

Wie wirken sich die neuen Möglichkeiten auf DIY Aktivitäten in Berlin aus?

Wir waren jetzt nie die großen DIY Kings, aber da wir viele Brachgelände hatten, haben wir versucht, das mit möglichst wenig Aufwand zu nutzen. Mittlerweile werden aber immer mehr Brachen abgezäunt oder DIY Spots abgerissen und es geht eher in die Richtung, dass die Stadt Plätze wie den Dogshit Spot zur Verfügung stellt, um Skater dort was Legales bauen zu lassen, was ich cool finde. Meine DIY Aktivitäten bestehen aber eher daraus, dass ich versuche bestehende Spots mit wenigen Handgriffen umzufunktionieren und so neue Möglichkeiten zu erschaffen. Z.B. indem man irgendwo ‘ne Holzplatte anbringt oder ein Roadgap mit ’nem Pole oder improvisierten Curb versieht. Und da muss ich auch sagen, empfinde ich die Passanten und die Polizei in Berlin als ziemlich tolerant, weil sie sehen, dass man nicht irgendwas kaputtmachen, sondern nur Spaß haben will.

Valeri Rosomako – Crooked Grind Tailgrab

Crooked Grind Tailgrab

Gab es eine bestimmte Herangehensweise, als du und Dan angefangen haben deinen Part zu filmen?

Also erst mal muss ich sagen, dass ich es superwichtig finde, dass die Personen, die sich so einem Projekt widmen auch befreundet sind. Die meisten Parts, die ich bisher gefilmt habe, waren ja mit Jo [Peters], den ich schon lange kenne. Und jetzt mit Dan war es genauso natürlich und einfach, weil er auch jemand ist, der für allen möglichen Quatsch offen ist und nicht sagt, „der Spot ist zu klein oder zu schlecht“. Meine Überlegung für den Part war, dass ich viele Spots in meiner Umgebung, also in Kreuzberg, skaten wollte. Und da der Name Untergrund ja doppeldeutig ist, also irgendwie sowohl auf dieses Verruchte im Skaten als auch den Bodenbelag anspielt, wollten wir auch viele roughe Spots skaten und so unseren Teil zu dem Flair des Videos oder des Titels beitragen.

Wie untergrund ist Skaten im Jahr 2015 eigentlich noch?

Skateboarding als Trendsport ist vielleicht nicht mehr besonders „underground“, aber Skateboarding selbst schon, weil es für Skater normal ist, neue Tricks zu lernen und neue Spots skaten zu wollen und dazu muss man immer herumstreunen und gelangt an verborgene, schmutzige Orte. In den 90ern und um das Millennium waren die Leute eher auf der Suche nach perfekten Spots oder Plazas, um ihre technischen, komplizierten Tricks zu machen. Fast wie auf einem Sportplatz. Danach waren es riesige Rails und Gaps, die dem Bild von Extremsport gerecht wurden. Aber in den letzten Jahren gab es bei vielen eine Art Rückbesinnung zu Tricks, die man an allen möglichen Spots machen kann und die gerade an rougheren Spots besser aussehen und herausfordernder und interessanter sind. Einige Leute wollen alles skaten, was ihnen vor die Füße kommt und japanische Weirdo-Videos mit Slappy to Slappy Grind an einer Zweierstufe werden gefeiert, was früher vielleicht belächelt worden wäre und das steht ja irgendwie im Gegensatz zu dem Extremsportcharakter mit den riesigen Rails und Gaps, den Skaten vor ein paar Jahren noch stärker hatte. Ich hab das Gefühl, dass es wieder mehr um Spaß und Kreativität geht. Außerdem scheint es auch in der Industrie eine Art Gegenbewegung zur letzten Kommerzialisierungswelle im Skaten zu geben, die, gerade von den Skatern, die schon länger dabei sind, positiv gesehen wird. Insofern ist Skaten, auch wenn es gerade wieder sehr populär ist, immer noch eine Untergrundbewegung und bleibt auch 2015 interessant.

Werbung
Werbung
Werbung
PRV

Robin Wulf – Volcom Part

Okt. 29, 2015
NXT

Jürgen Horrwarth – Von Örly zu Olympia

Okt. 27, 2015