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Stephan Pöhlmann – Untergrund Interview

Dafür, dass Stephan Pöhlmann in einem Dorf namens Feucht zu skaten gelernt hat, ist es schon eine beachtliche Leistung, im Alter von 15 in einem Skateboardmagazin abgedruckt worden zu sein. Eine Leistung ganz anderer Qualität dagegen ist es, mit 2,4 Promille im Blut in eine Autokontrolle zu schliddern. Seitdem hat sich für Stephan einiges geändert. Fahrradtouren statt Partys, Auslandsaufenthalte statt Dorfkirmes und fast wie von alleine neue Coverage in Magazinen samt Part im ersten landesweiten Fulllength-Streifen nach dem „Done Video“. Für Stephan, der kurz davor ist, seinen Bachelor-Studiengang abzuschließen, könnte es gerade nicht viel besser laufen. Kein Wunder, dass wir den Nürnberger Local bestens gelaunt zum Interview trafen.

Bitte erzähl uns mal ein paar Takte von dir. Ich glaube, das ist dein erstes Interview, oder?

Stimmt. Also ich komme aus Feucht, das ist ein Kaff bei Nürnberg. Da gibt’s viel Wald und es ist ziemlich entspannt. Früher bin ich auch noch Blades gefahren als mein Bruder und seine Freunde alle schon voll am Skaten waren und irgendwann wollte ich dann auch lieber skaten und habe immer den alten Stuff bekommen. Da war ich ungefähr zehn, also ich fahre jetzt schon ungefähr 15 Jahre. Momentan wohne ich mit meiner Freundin in Nürnberg. Ich hab BWL studiert, war eine Zeit im Ausland, habe gerade ein Praktikum gemacht und muss jetzt meine Bachelorarbeit schreiben.

Du hattest schon relativ früh Coverage, bist dann aber wieder von der Bildfläche verschwunden…

Ganz am Anfang war es schwierig, weil ich keine Filmer oder Fotografen kannte, bevor ich die Gruppe um Max Beinhofer kennengelernt habe. Zu dem Zeitpunkt gab es zwei Shops. Einmal TX-Sports und B-Project, da gehörte auch die Skatehalle zu. Ich bin dann irgendwann für die Skatehalle hier gefahren und danach für Morphium. Als ich Karl Knoop von Morphium kennengelernt habe und öfters in Hamburg war, war es dann schon wesentlich einfacher, Filmer und Fotografen am Start zu haben als hier.

Skaten macht mir mittlerweile viel mehr Spaß, weil ich mich nicht mehr überfordere

Das erklärt aber nicht warum du irgendwann abgetaucht bist, oder?

Also zwischendrin war ich schon immer am Start eigentlich, aber irgendwann bin ich auch mal ein bisschen weniger geskatet und mehr feiern gewesen und so. Dann habe ich irgendwann auch meinen Führerschein verloren, weil ich betrunken Auto gefahren bin. Das war so mit 20 und dann habe ich erst mal auf die Bremse gedrückt. Ein Jahr lang kein Alkohol getrunken, angefangen Sport zu machen, also Joggen und so was. Ab da habe ich auch wieder Vollgas beim Skaten gegeben und dann hat sich das einfach ergeben. Ich bin dann auch für TX gefahren und Chris Ulsamer war als Filmer am Start und mit dem ist es immer geil. Er filmt mega gut und motiviert einen. Es macht immer Spaß mit ihm loszuziehen.

Heißt das, du bist im Nachhinein froh über die MPU?

Das ist schwer zu sagen, aber wahrscheinlich würde ich sonst jetzt nicht so gut dastehen. Es hätte dann wahrscheinlich alles nicht so hingehauen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es gibt einem Zeit zum Nachdenken, wenn man mal ein Jahr gar keinen Alkohol trinkt. Man setzt sich viel mehr mit sich selber auseinander und ist natürlich auch fitter. Früher bin ich um zehn oder elf aufgestanden. Jetzt beginne ich den Tag zwischen sechs und acht und geh noch mal joggen, fahre ’ne Runde mit dem Rennrad oder erledige irgendeinen anderen Scheiß. Viel besser, wenn man den ganzen Tag nutzen kann und irgendwas Geiles macht.

Du hast bis vor Kurzem ein Praktikum bei Adidas gemacht. Worum ging es da und wie bist du da rangekommen?

Im Endeffekt durch Zufall und Connections. Das war ganz lustig, ich war zu der Zeit noch in Trinidad, wo ich mein Auslandssemester gemacht habe und habe mich während der Zeit für Praxissemester beworben, was nicht geklappt hat. Und dann habe ich über die Freundin eines Freundes von dieser Praktikantenstelle gehört und mich beworben. Ich war da im Global Brand Marketing, was noch mal aufgeteilt ist in PR, Social Communication und Retail. Dafür werden dann auch Shootings gemacht. Ich war bei einem in London dabei, wo die ganze Kollektion geshootet wurde. Das war ziemlich interessant.

Stephan Poehlmann – Kickflip

Kickflip

Kannst du es generell empfehlen, bei so einem großen Unternehmen Praktikum zu machen?

Auf jeden Fall. Ist halt geil zu sehen, wie so ein großes Unternehmen funktioniert und wie da alles abläuft. Weil ich davor nur bei kleineren Unternehmen gearbeitet habe, wie bei TX oder hier im Skateshop oder manchmal bei Clepto im Lager, war das die perfekte Ergänzung.

Und jetzt schreibst du deine Bachelor-Thesis im Zusammenhang mit TX und Claro Caps, richtig?

Ich habe eine Kappe für TX Sports und Claro mit Linus (Petrusch) gemacht und bei der Thesis geht es darum, dass ich eine Kommunikationsstrategie für die Einführung der Kollaboration auf dem Markt entwickle. Also hauptsächlich für Social Media. Verbindungen über Facebook und Instagram und so weiter. Alles, was ich da entwickle, wird dann auch direkt von mir umgesetzt. Es macht Spaß mit Linus (Claro) und Sven (Eckert, TX Sports) zusammenzuarbeiten, weil die einem viel Freiraum lassen und voll engagiert sind.

Du warst im Rahmen deines Studiums in Trinidad – erzähl doch mal was darüber.

Also Trinidad und Tobago sind die südlichsten Inseln in der Karibik kurz vor Südamerika. Tobago ist mega touristisch mit weißen Sandstränden und so weiter. Trinidad ist ein bisschen rougher, aber auf jeden Fall richtig geil. Ich wollte während meines Studiums auf jeden Fall ins Ausland und mein Nachbar war in Barbados. Als er wieder zurückgekommen ist, hat er dann erzählt, wie geil es war. Ich hatte nur noch zwei Semester zu studieren und habe mir gedacht, wenn ich das jetzt nicht mache, mache ich es nie. Ich wollte erst nach Bali, aber da ist es schon ziemlich überlaufen und ich wollte gerne was machen, wo ich nicht diese ganzen ballermannmäßigen Auslandssemestertypen habe.

Hast du mehr studiert oder geskatet?

Ich musste schon recht viel machen. Ich hatte zwar nur zwei Fächer, aber das Studieren da ist stressiger als bei uns. Man ist aber auch auf seine Kosten gekommen. Wir haben so einen Typen von einem lokalen Wanderclub getroffen und die waren sonntags immer unterwegs. Das war voll geil mit ein paar Locals durch den Regenwald zu laufen und zu Wasserfällen im Dschungel und Vulkanen zu wandern.

Ich fahre jetzt schon zehn Jahre für Morphium und das ist wie eine Familie

Wie ist das Leben in Trinidad?

Ganz anders als hier. Es ist ein Entwicklungsland und die Kriminalität ist ziemlich krass. Aber jeder fährt ein Auto, weil der Liter Diesel nur 20 Cent kostet. Es war teilweise ziemlich verschmutzt, aber es gibt auch mega schöne Seiten. Die Skateboardszene war z.B. richtig cool und interessant. Das Level ist zwar noch ziemlich niedrig, aber alle haben total Bock. Es gibt keinen Skatepark, keinen Shop und nur eine Boardcompany, aber sie bestellen ihren Stuff in den USA über ein Postfach in Washington. Die Spots sind ziemlich rough, aber an der Uni gibt es eine Vierer und eine Achter, wo ein Kickflip schon ein richtiges Highlight war. An einer anderen Schule hat der Direktor sogar erlaubt, dass sie sich ein Curb und ein Flatrail bauen. Die fahren am meisten halt solche Spots, weil sie aufgrund der Infrastruktur und der hohen Kriminalität nicht so gut rumkommen können. Aber es gibt auch richtig krasse Spots, die teilweise rough wie in New York und manchmal perfekt wie in Barcelona sind. Es war richtig interessant die ganze Szene da zu erleben. Die haben z.B. mal einen Best-Trick Contest gemacht, wo sie aus Europaletten Zweierstufen gebaut haben und es hat richtig Spaß gemacht.

Konntest du die Skater da ein bisschen inspirieren und zeigen, was alles möglich ist?

Für die Kids war das cool jemanden zu sehen, der… naja… auf einem anderen Level skatet. Für die war das echt geil. Als ich das zweite oder dritte Mal an der Schule da war, waren auch immer die Kids da. Die waren gut geflasht und hatten dadurch auch immer mehr Bock zu skaten. Ich habe denen Sticker mitgebracht, und bevor ich geflogen bin, habe ich meinen restlichen Stuff dagelassen. Wir waren auch mal einen Spot mit einem flachen Achterrail skaten und direkt danach gab’s noch mal das gleiche mit Dreizehnern. Als ich das erste Mal draufgesprungen bin, war einer von den Locals so gehyped, dass er auch direkt drauf ist. Leider wurden wir da zu schnell gekickt, dass er den Trick hätte machen können. Die Leute hängen da aber auch in ihrer Inselmentalität fest. Die sind teilweise ziemlich faul und unzuverlässig. Ich wollte zum Beispiel mit einem Kollegen da nach San Fernando, das ist so das San Francisco von Trinidad auf so einem Hügel mit fetten Downhills und so. Die wollten da aber wenn überhaupt nur am Wochenende hin, weil es für die zu weit weg ist, obwohl es nur 45 Minuten sind und als ich einen überredet hatte, hat der mich drei Stunden warten lassen und ist am Ende nicht gekommen.

Ich habe gestern mit Alex (Ullmann) gesprochen und er meinte, dass du voll die Motivation für ihn bist, weil ihr ähnlich tickt und du immer Vollgas gibst und ihn bei Spots und Tricks inspirierst.

Was? [lacht] Also eigentlich bin ich von Alex Skaten selber immer so geflasht, weil der aus dem Nichts mit so Sachen wie Crooked pop over to Boardslide ankommt und ich mich frage, wo der das mit so einer Leichtigkeit herhat. Das sind so Sachen, wo ich mir denke, dass der den schon seit Jahren machen muss. Woher ich meine Spot- oder Trickideen habe, weiß ich auch nicht so genau. Ich gucke viele alte Skatevideos. Man Down ist eins meiner Lieblingsvideos, das ich schon rauf- und runtergeschaut habe und mir immer noch gerne angucke. Ich glaube, Alex und ich beeinflussen uns gegenseitig, weil wir wirklich ähnlich ticken beim Skaten. Eigentlich ist es scheißegal, welchen Spot wir skaten, wir haben immer mega viel Spaß. In Barcelona sind wir mal abends zum Einkaufen und haben uns Bier und was zu Essen geholt und auf dem Rückweg haben wir einfach zwei Stunden so einen Randstein geskatet, paar Bier getrunken, abgehangen und den ganzen Abend mit den Einkäufen geskatet. Dann beeinflusst man sich auch gegenseitig und man schaut sich ab und zu mal was voneinander ab.

Stephan Poehlmann – Blunt Pop Over

Blunt Pop Over

Ist das dein erster Full-Length Part, den du jetzt gefilmt hast?

Ne, der Erste war für das Good Times Video hier von einer Local Crew. Und dann gab es noch einen für das Morphium Video, aber da habe ich nicht wirklich gezielt für gefilmt, sondern einfach immer mal wieder etwas eingetütet und das dann einfach abgegeben. Früher war es immer so, dass ich mich gerne in so Sachen reingesteigert habe. Ich wollte immer für mich megakrasse Sachen machen, aber ich glaube, ich konnte mich auch nicht so gut selbst einschätzen. Früher bin ich zu einem Spot gegangen und habe einen Trick probiert, den ich im Flat vielleicht ein paar Mal geschafft habe. Wenn ich mir jetzt einen Trick vornehme, weiß ich, dass der auf jeden Fall klappen wird. Skaten macht mir mittlerweile viel mehr Spaß, weil ich mich nicht mehr überfordere und ich freu mich natürlich, bei dem Video dabei zu sein. Ich finde es total geil, dass es mit Untergrund mal wieder ein geiles deutsches Skatevideo gibt, das kein Localvideo ist.

Bringst du deine Eltern mit zur Premiere? Ich habe gehört, dass bei euch in der Familie die Verbindung ziemlich eng ist?

Ja, das stimmt schon. Ich bin mit meiner Familie echt cool und mag es, zu meinen Eltern zu kommen, weil das Verhältnis so entspannt ist. Die haben mich jahrelang unterstützt. Wenn ich mal keine Kohle hatte, um irgendwo hinzufahren, haben die mich immer supportet und mir ein bisschen Geld für die Fahrt oder sonst was gegeben. Von daher bin ich echt dankbar. Auf jeden Fall werde ich die mit zur Premiere mitnehmen. Ich weiß noch nicht, ob ich es zu der in Köln schaffe, aber es wird ja auch lokale Premieren geben.

Morphium Skateboards ist ja eher was Lokales. Hättest du Bock noch mal für eine größere Boardcompany zu fahren?

Ne, eigentlich nicht. Ich fahre jetzt schon zehn Jahre für Morphium und das ist wie eine Familie. Ich bin mega zufrieden und brauche nichts anderes.

Danke für das Interview und vor allem für den Part!
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