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Joscha Aicher – Jung, talentiert und abgebrannt

Er kommt aus dem Schoß des Marijuth Clan, entstammt der Münchner Provinz Ottobrunn, und ist, neben seiner unbeschwerten Art alle möglichen Spots kurz und klein zu fahren, vor allem für Drei Eigenschaften bekannt: Erstens, die Hassliebe zum Ahorn. Joscha Aichers Art zu skaten ist von Kraft und Kompromisslosigkeit geprägt, und zieht einen Boardverschleiß nach sich, der seinesgleichen sucht. Zwölf Bretter in sieben Tagen Barcelona sind rekordverdächtig. Zweitens, das Hustle-Prinzip. Er gehört zur Gilde der skatenden Pfandsammler ohne festes Einkommen, die zwischen zwei Contestruns drei Mülltüten Pfand im Wert von vierzig Euro horten, und am Ende noch das Preisgeld mitnehmen. Drittens, der Sandler-Lifestyle. Bei schlechtem Wetter hängt der 21-Jährige, der keine eigene Bleibe in München hat, im SHRN ab und treibt seine gleichermaßen hyperaktive wie verplante Art mit koffeinhaltigen Getränken und Räucherstäbchen auf die Spitze, und den Mixen und den Esel damit zur Weißglut. Sein ganzes Leben dreht sich also, wie das vieler junger Skater, um die vertrackte Dreifaltigkeit aus Holz, Geld und Spaß – eine Lebensformel, die durch sein Talent faktorisiert, unbedingt Aufmerksamkeit in Form eines Interviews verdient.

Hi Joscha, kann es sein, dass du vom Barca-Sumpf eingesogen worden bist?

Haha, nee, ich komm auf jeden Fall bald wieder, aber ich hab jetzt spontan noch mal verlängert, weil Farid [Ulrich] auch noch was bleibt und Mario [Ungerer], Daniel [Ledermann] und Michel [Funke] nächste Woche kommen und ich Bock hatte, auch mit den Jungs hier noch mal loszuziehen. Außerdem brauche ich auch noch ein, zwei Banger für meinen Part bei euch. Ich hatte mir ja eine Woche vor dem Trip nach Bangkok ’ne Fersenprellung in Berlin geholt und konnte deshalb die ersten zwei Wochen nichts Krasses machen, sondern nur chillige Sachen eintüten. Wirklich zufrieden bin ich also leider nicht mit der Ausbeute, weil ich so oft verletzt war. Aber mittlerweile geht‘s wieder und mein Knie ist auch wieder t. Ich hatte mir ja dieses Jahr das Kreuzband überdehnt. Das hat mich noch mal gut zurückgeworfen. Dann haben sich auch noch meine Knie überreizt und dann war erst mal Chillaue angesagt. Aber jetzt in Barca ging‘s wieder voll und skaten war richtig geil.

Du fühlst dich wahrscheinlich schon richtig heimisch da…

Auf jeden Fall. Wir sind down mit den ganzen Brasi- lianern am MACBA, das ist schon ziemlich chillig. Die Jungs haben den Platz so ein bisschen in der Hand, aber die rippen auch übelst krass. Einige von denen haben uns dann in ihrer Bude aufgenommen. Wir hatten erst gar nichts und mussten für ’n Zwanni pro Person mit der Luftmatratze aufm Boden schlafen. Aber dann hatten wir Glück, dass der Farid den Mosca kannte, diesen Fotograf aus Brasilien, und so sind wir in diese WG reingerutscht. Die skaten alle so übertrieben krass, das geht nicht klar.

Farid ruft: Das Skatelevel explodiert hier, Junge!

Joscha Aicher Tailslide Popout

Tailslide Popout

Kann man sagen, dass du dieses Jahr das Reisen so richtig für dich entdeckt hast?

Naja, gereist bin ich eigentlich schon immer gerne, aber dieses Jahr ist das erste, wo ich so richtig auf Trips gehe, vor allem durch Farid, weil der mich halt immer mitzieht. Ich bin dieses Jahr auf jeden Fall am meisten rumgekommen in meinem Leben.

Reisebüro Farid Ulrich. Stark. Wie war‘s bei Burny [Florian Hopfensperger] in Bangkok? Ihr wart ja was länger da…

Bei Burny in Bangkok waren wir einen Monat – das war übertrieben dope. Das war ’ne Erfahrung fürs Leben, die ganzen Seitenstraßen und Hinterhöfe mit Burny auszuchecken und diese komplett andere Welt zu skaten. Danach waren wir noch drei Wochen auf den Inseln zum Relaxen. Das war für mich das erste Mal Asien und ich hab mich direkt verliebt. Die Landschaften, die Massen von Leuten und alle sind freundlich. Alle haben ein Lächeln auf dem Gesicht und freuen sich wenn du irgendeinen Spot skatest.

Drei Stunden einen bestimmten Trick zu probieren ist überhaupt nicht meins

In Bangkok hast du dich lieber der Gruppe untergeordnet und gewartet bis ein Spot für dich dabei ist. Machst du das immer so?

Ich mach es am liebsten so, dass ich einfach mit ein paar Leuten losziehe, die sollen sich die Spots überlegen und dann probiere ich für mich das Beste rauszuholen. Wenn ich mir ’ne krasse Ansage mache, dann bin ich erstens doppelt so abgefuckt, wenn ich den Trick nicht schaffe und zweitens ist es auch eine komplett andere Herangehensweise. Ich skate lieber spontan. Dann bin ich auch produktiver, auch wenn nicht immer die Todesban- ger dabei rauskommen. Ich versuch einfach jeden Spot so gut wie möglich zu fahren.

Es gibt eh nicht viele Spots, die dir nicht liegen, oder?

Das stimmt, ich skate eigentlich alles gerne. Das macht für mich den Reiz aus. Und drei Stunden einen bestimmten Trick zu probieren ist überhaupt nicht meins. Ich will Spaß an einem Spot haben. Klar, manchmal gibt man sich ’ne stundenlange Session nur für einen Trick, wenn man sich irgendwo reingebissen hat, aber eigentlich will ich nur die Spots skaten. Mir kommen die Ideen für Lines oder die Sachen, die ich lme auch meistens erst beim Skaten des Spots. Ich komme fast nie an einem Spot an und sage dann, „Boah, der Trick hier und der Trick da und der Trick noch“, weil am Ende kann‘s dann auch so sein, dass genau der Trick wegen irgendeiner Sache nicht funktioniert.

Joscha Aicher Nollie Kickflip

Nollie Kickflip

Welche Rolle spielen die Homies, Filmer und Fotografen, wenn es darum geht einen bestimmten Spot zu skaten? Gibt es da Einflüsse?

Ich würde sagen, die Mischung macht es. Man checkt schon ab, wie der andere den Spot skatet und ob man den auch so skaten kann bzw. Bock hat den auf die Art und Weise zu fahren. Wir skaten einfach und dann entstehen die Ideen spontan. Klar, manchmal frage ich auch meine Jungs, ob sie die eine Line oder den anderen Trick gut nden, wenn ich etwas lmen möchte. Das kann man als Skater immer so schlecht einschätzen, ob das gut kommen würde oder nicht.

Was nimmst du von den vielen Reisen dieses Jahr mit?

Viel Erfahrung auf jeden Fall. Ich würde sogar sagen die meiste Erfahrung, die ich skatetechnisch bisher in meinem Leben gesammelt habe. Gerade auch durch Farid und Burny habe ich viel dazu gelernt, wie es läuft im Skatebusiness. Damit hatte ich mich bisher überhaupt nicht beschäftigt. Ich hatte ja bis vor zwei Jahren nicht mal einen Sponsor, sondern bin ich München immer nur im Skatepark oder mit den Marijuth Jungs filmen gewesen. Shout-out an die beste Crew an dieser Stelle! Naja, ich habe durch die vielen Gespräche mit Farid und Burny jedenfalls gecheckt, dass es auch in Deutschland möglich ist, ein bisschen Kohle durch skaten zu verdienen. Bisher habe ich immer an diesen Mythos geglaubt, dass da ja eh nichts zu holen ist. Aber zum Beispiel durch Farid habe ich gesehen, dass das nicht stimmt und das hat mich natürlich auch krass motiviert.

Ich habe gecheckt, dass es auch in Deutschland möglich ist, Geld mit Skaten zu verdienen

Sollte ein Skatefoto deiner Meinung immer einen besonders harten Trick zeigen oder kannst du auch Fotos etwas abgewinnen, wo es eher um den fotogra schen Aspekt oder die Kreativität des Skaters geht?

Ich finde eigentlich jedes Foto geil, was geil geschossen ist und ’nen stylischen Trick zeigt, scheißegal ob es ein Banger ist oder nicht. Aber auf dem Cover sollte schon immer ein Banger sein [lacht].

Warum arbeitest du eigentlich nicht mehr bei der Post und wie kommst du jetzt über die Runden?

Ich habe die Ausbildung bei der Post ganz normal beendet und dann aber direkt danach aufgehört, weil der Job schon ziemlich zerstörerisch ist. Im Sommer ist es super geil – man hat früh aus, war schon acht Stunden am Tag auf dem Fahrrad unterwegs und kommt dann mega t im Skatepark an. Das war ’ne richtig geile Zeit. Aber im Winter ist es extrem hart. Bei Minusgraden jeden Tag sechs bis acht Stunden Fahrradfahren, da kackt man richtig ab. Das geht auch auf die Gelenke und mittlerweile bekomme ich jedes Mal wenn es kalt wird so blau-rötliche Hände und das kommt auf jeden Fall von der Ausbildung. Seitdem mache ich nichts außer Skaten. Ich habe einmal probiert Fachabi zu machen, aber es nicht auf die Reihe bekommen. Ich habe einfach nicht so die Motivation beim Thema Ausbildung so hart reinzuhauen. Ich habe eh nicht so ‘n guten Abschluss, habe jetzt die Ausbildung gemacht und dachte mir dann, jetzt kann ich mich erst mal nur auf Skaten konzentrieren und wenn das nicht hinhaut, kann ich immer noch bei der Post arbeiten.

Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?

Das kommt drauf an, wo ich aufwache. In Deutschland wohne ich ja noch bei meinen Eltern daheim, eine Stunde außerhalb von München. Und wenn ich in München bin, penne ich entweder beim Julian oder meinem Kumpel J.D. – und dann sind die Tagesabläufe natürlich anders. Man steht anders auf, frühstückt anders, geht zu einer anderen Zeit skaten, an anderen Spots. Aber im Großen und Ganzen kann man sagen: Aufstehen, essen, skaten, smoken, pennen.

Joscha Aicher Crooked Revert

Crooked Grind Revert

Wie lang willst du das mit dem Pendeln noch machen?

Es nervt mich natürlich hart und natürlich hätte ich am liebsten meine eigene Bude und mein eigenes Leben, aber gerade in München, wo ne Bude kalt 800 Euro kostet, ist es impossible. Da müsste ich fünf Tage die Woche fett buckeln, damit ich da überhaupt ’ne Wohnung haben könnte. Das ist auch ein Problem, das zur Zeit ziemlich hart an mir nagt, weil ich einfach kein monatliches Einkommen habe, kein Geld, keine Wohnung. Und das sind natürlich schon Dinge, die will man irgendwann haben. Ich bin jetzt 21 und werde versuchen das durch skaten zu erreichen und meine Eltern unterstützen mich auch voll dabei. So gesehen ist es schon cool, weil ich mich mit denen super gut verstehe. Wenn ich daheim bin, gehe ich auch mit denen auf den Berg klettern oder Radfahren und wenn ich mal verletzt bin, motiviert mich mein Dad, so aktiv zu sein wie möglich, dass ich schnell wieder fit werde – richtig geil.

Ich weiß aus sicherer Quelle, dass sich der Mixen [Michael Wiethaus] grundsätzlich vorstellen könnte, dich im Graphic Department vom SHRN zu hooken.

[lacht laut] Der Mixen? For real, Alter? Das höre ich aber zum ersten Mal.

Der Esel und der Mixen. Wenn du beim SHRN reinkommst und die sind voll gestresst und du laberst die dann voll – das ist immer voll lustig

Hat der mir erzählt… Du hast doch ’n paar CS Skills, oder nicht?

Ja sick wär‘s schon eigentlich… Ich hab ja auch gleichzeitig mit der Realschule ’ne Photoshop-Ausbildung gemacht. Also uncool wär‘s nicht. Aber wäre wahrscheinlich auch mit fünf Tagen die Woche arbeiten verbunden und dann hätte ich wieder übel wenig Zeit zum Skaten. Oder mal für drei Wochen nach Berlin wäre dann wahrscheinlich auch nicht mehr drin.

Kommt ganz auf den Deal an, den du mit Robinson [Kuhlmann], Daniel [von Mitschke], Esel [Simon Schöllhorn] und Mixen aushandelst, würde ich sagen. Was ist eigentlich das Beste an einem täglichen Besuch im SHRN?

Der Esel und der Mixen. Wenn du da rein kommst und die sind voll gestresst und du laberst die voll und die werden immer gestresster, das ist immer wieder lustig. Aber jeder Besuch im SHRN ist geil. Du kannst da richtig auschillen auf der Couch, kannst Skatevideos schauen und du hast den Esel und den Mixen zur Unterhaltung da.

Wer von den beiden kann eigentlich mit den Muttis besser und wer mit den Kids?

Oooh... [lacht] Das ist ne gute Frage! Ich würde sagen der Mixen kann mit den Muttis besser und der Esel mit den Kids, haha! Aber der Esel kann auch gut mit den Muttis, so ist es ja nicht. [lacht]

Dann grüß die Jungs mal von uns, wenn du wieder da bist.

Joscha fährt für Barbar Skateboards, SHRN, Nike SB, Claro Caps, Supertoxic Wheels und Lewel Griptape

Joscha Aicher Ollie

Ollie [Foto: Biemer]

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