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Norbert Szombati – Untergrund Interview

Die Dom-Posse ist in Köln seit 2008 Geschichte. Dafür gibt es jetzt eine Kap-Gang, eine Lentpark-Bande, eine Lurk-Crew, eine neue North Brigade und einen Dom Skateboarding e.V.. Norbert Szombati kam 2010 aus Pforzheim nach Köln und mischt mittlerweile bei allen genannten Gruppierungen mit. Er setzt also die Tradition von Zugezogenen fort, die in Köln als Bindeglied fungieren und die Skateboardszene der Stadt stark mitgestalten. Wir haben ihn im Lentpark, seinem Lieblingsort in Köln getroffen, um über Skateparks, die Streetleague, Olympia und Wachstum in der Industrie zu sprechen.

Hi Nob, du bist vor einem Jahr Vater geworden, hast vor kurzem geheiratet und bist mittlerweile in einem Fulltime Job – Wie kann man da noch einen Part filmen?

Das ist insofern schwierig, dass man nicht mehr spontan rausgehen und skaten oder einen saufen kann. Das geht zwar alles, aber mit dem Unterschied, dass man es im Vorfeld planen muss. Ich komme im Durchschnitt drei Mal die Woche zum Skaten. Das gestaltet sich aber anders als früher, weil meine Arbeitszeit nicht hundertprozentig definiert ist und ich dann nach der Arbeit probiere, mich ein, zwei Stunden lang auszutoben und das geht nun mal am besten im Lentpark oder am Kap. Dann noch ein Bierchen trinken, schön nach Hause gehen und die Kleine ins Bett bringen. So läuft das unter der Woche, und wenn es dann um Streetmissions geht, ist es meistens ein Tag vom Wochenende und der andere ist dann Family-Day.

Hättest du mit dem Wissen, was sich bei dir alles verändern wird, trotzdem zugesagt einen Part zu filmen?

Also ich finde es immer gut, wenn man ein Projekt hat, auf das man hinarbeiten kann. Von daher hätte ich auf jeden Fall gerne zugesagt, aber ich kann das gar nicht so richtig beantworten. Das Filmen wurde auch schwerer, weil ich irgendwann nicht mehr für Converse gefahren bin und mehr arbeiten musste. Und gerade im Sommer brennt bei uns die Hütte. Da haben wir den Go Skateboarding Day, der in drei Städten umgesetzt werden soll und die Berlin Open, was viel Planung im Vorfeld und eine Menge Nachbereitung bedeutet. In der Zeit ist das Wetter am besten, aber da geht bei mir ungefähr gar nichts, da ist auch der Kopf nicht frei. Dann kam noch das Kind dazu und die Hochzeit, was auch ein richtiges Event ist. Passend zur Deadline ziehen wir jetzt auch noch in eine größere Wohnung um. Also im Prinzip alles eher suboptimal, um einen Part zu filmen.

Einige sagen ja, dass es in Köln zu wenig Spots gibt. Wie siehst du das?

Köln ist einfach im Vergleich zu Städten wie München, Stuttgart oder Berlin ziemlich alt. Hier ist ganz lange Zeit kein großes Bauprojekt mehr gewesen, die ganze Stadt ist ziemlich kompakt gebaut, es gibt keine großen Plätze zum Skaten, und nach außen hin, wo Platz ist, gibt es nur Dörfer. Dazu ist alles ein bisschen rougher, was aber auch seinen Reiz haben kann, aber es ist anders, als in Berlin oder Stuttgart zu skaten, wo man auch perfekte Spots findet und Banger filmen kann. Hier muss man mit dem arbeiten, was man hat und das Beste draus machen. Spaß macht es auf jeden Fall.

Was haben die neuen Skateparks, die in Köln entstanden sind, für eine Auswirkung auf die Skater?

Das ist ganz klar, dass die dadurch besser geworden sind. Wenn ich Leute sehe wie Marcel [Weber] oder Tim [Hachen], die skaten mega gut und die bekommen auch ihre Streetfootage zusammen, wenn sie motiviert sind und losgehen. Also das Skaten bringt es auf jeden Fall nach vorne, auch wenn dadurch Leute vielleicht weniger streetskaten gehen, die Qualität wird dadurch einfach besser.

Man kann auf gar keinen Fall sagen, dass Nike sich das Geld einfach einsteckt und nichts damit macht

Du beschäftigst dich auch beruflich mit Skaten. Erklär mal kurz, was du genau machst?

Ich arbeite bei Finelines, einer Skateboardagentur und am ehesten würde man meinen Job als Projektmanager bezeichnen oder Conceptioner. Man macht in gewisser Weise alles. Man entwickelt Konzepte für Events, Kampagnen, alles Mögliche. Im weitesten Sinne Marketing und hauptsächlich für Nike SB in Deutschland.

Kannst du aus deiner Erfahrung eigentlich bestätigen, dass Skaten gerade wieder boomt?

Boom würde ich jetzt nicht sagen. Mit dem letzten großen Boom, als Tony Hawk’s Pro Skater rauskam, habe ich angefangen zu skaten. Da war es ganz deutlich zu sehen. Es gab jetzt einen Boom mit Longboards, aber der ist auch schon fast wieder vorbei und stagniert gerade eher. Das ist „Skaten“ für eine breitere Masse. Irgendwelche 30-jährigen Leute kommen nicht mehr in einen Skatepark, um Kickflips zu üben, aber die können durchaus Spaß dabei haben durch einen Park zu rollen. Ich verurteile das nicht. Ich fände es auch gut, wenn das tatsächliche Skaten davon profitiert. Ich sage mal, wenn Skatebrands anfangen würden, Longboards zu verkaufen, das fände ich überhaupt nicht schlimm, weil man das Geld, das dadurch reinkommt, auch gut fürs Skaten nutzen kann. Aber zur Frage: Ich glaube schon, dass die Zahl der Skater in Köln gestiegen ist, was mit den Parks zusammenhängen könnte. Was man natürlich nicht sagen kann, ist, ob die davor auch schon da waren und man sie einfach nur nicht gesehen hat.

Vielleicht sind auch welche dazugekommen, denen das Longboarden langweilig wurde?

Das könnte auch sein. Wenn ich aber Leute aus der Industrie höre, zum Beispiel Boardmarken, dann sagen die eher, dass es gleich gut läuft. Es ist bei Skateboard Hardware kein starker Anstieg zu sehen. Bei Nike gibt es Wachstum, allerdings weiß ich nicht, ob das wirklich von den tatsächlichen Skatern kommt oder durch irgendwelche Leute, die die Schuhe cool finden. Ich denke es entwickelt sich stetig. Das Ansehen von Skaten wächst auf jeden Fall in der Gesellschaft. Wenn man Sachen wie Street League und We are Blood sieht, ist klar, dass investiert wird. Das Interesse großer Firmen ist da. Ob dadurch tatsächlich auch die Anzahl der aktiven Leute noch mal steigt, ist was anderes. Das haben wir an Snowboarding gesehen. Das war medial sehr groß in den letzten Jahren und Firmen haben investiert. Es gab riesen Contests wie Air and Style, es war bei Olympia sogar das Highlight der Winterspiele. Es wird gerne geschaut, aber die Zahl der Leute, die wirklich Snowboard gefahren sind, ist nicht gestiegen. Die Investitionen sind immer größer geworden, aber die Einnahmen durch die Leute, die es wirklich betrieben haben, sind gleich geblieben. Dadurch ist das zusammengebrochen.

Nike ist dann beim Snowboarding wieder ausgestiegen. Welche Auswirkungen hatte das?

Nike war im Snowboarding nie so groß wie im Skaten. Für die Skateboardszene hätte es wahrscheinlich größere Auswirkungen.

Und zwar?

Es würde ein großes Vakuum entstehen, was dann jemand der schlau ist und die Möglichkeiten hat, wieder füllen könnte, wenn er es richtig macht. Es würde aber eine Zeit lang dauern, bis dieses Vakuum gefüllt ist. Nike hat jede Menge Pros unter Vertrag, die stünden dann erst mal da. Eigentlich ist es schlecht darüber zu reden, weil wir es uns auch nicht genau ausmalen können. Ich kann die Frage nicht genau beantworten, was für Auswirkungen das hätte. Ich kann nur sagen, dass ich auf gar keinen Fall davon ausgehe, dass das passiert. Skaten ist im Gegensatz zu Snowboarding alltagstauglich. Du musst auf keinen fucking Berg und brauchst kein Equipment, das tausend Euro kostet. Skateboarding hat also wesentlich mehr Potential für so eine große Marke und die Leute, die daran arbeiten, sind auch ein gutes Team.

Norbert Szombati – Backside Tailslide

Backside Tailslide

Inwiefern profitiert Skateboarding, dass Nike weiter dabei ist?

Man kann ja auf gar keinen Fall sagen, dass Nike sich das Geld einfach einsteckt und nichts damit macht. Wie ich schon gesagt habe, sind da auch eine Menge Pros die bezahlt werden. Es wird auf allen Ebenen, die es gibt, irgendwas getan. Auf höchster Ebene bei der Street League, auf nationaler und internationaler Ebene mit den Berlin Open und dem Barcelona AM, auf lokaler und regionaler Ebene gibt’s so was wie den Go Skateboarding Day, wo dieses Jahr in Köln auch Geld gesammelt wurde für einen neuen Spot. Es werden Coreshops mit Events, beim Shopdesign oder durch Einladungen zu Weartests gefördert, über die dann die Teamfahrer unterstützt werden. Alles Mögliche. Es wird da schon sehr viel für getan und ich denke, dass Skaten da stark von profitiert.

Warum ist es trotz stetiger Entwicklung und leichtem Wachstum für Print-Magazine schwerer geworden?

Weil sich der Medienkonsum und damit auch die Medienlandschaft stark gewandelt hat. Diese ganze digitale Welt mit Instagram und Facebook ist extrem gewachsen und wird immer wichtiger. Vor 15 Jahren war die einzige Option für die Skater, um herauszukommen, Magazine. Es gab kein Facebook und kein Instagram und das Internet war noch in den Kinderschuhen. Heute kann jeder irgendeinen Scheiß auf Instagram machen. Wenn du da die härtesten Tricks raushaust, wirst du dir auch deinen Namen machen, komplett ohne das Magazin. Das wissen auch die Brands und müssen dementsprechend die Budgets shiften. Dementsprechend fällt dann auch das Anzeigenbudget.

Du arbeitest durch die Agentur indirekt für Nike, die als Streetleague-Sponsor auftreten und vermutlich auch Interesse daran haben, dass Skateboarding olympisch wird. Kannst du das bestätigen?

Ja und nein. Da gibt es Leute, die fänden das super, weil das halt ein Sportartikelhersteller ist. Klar, das ist ein Corporate Brand, aber da arbeiten auch hauptsächlich Skater und da gibt es sicherlich auch welche, die kein Interesse daran haben.

Aber es muss ja eine generelle Ausrichtung oder Meinung bei Nike zu dem Thema geben?

Dadurch, dass ich da nicht direkt arbeite, kann ich das auch nicht beantworten. Ich denke, dass es auch nicht von Nike abhängig ist, ob Skaten olympisch wird oder nicht. Ist es nicht. Wenn es kommt, richtet man sich halt aus und man bereitet sich quasi darauf vor. Man will halt die Skater oder Athleten, die für Nike fahren, wenn es dann so weit ist, auf dem Treppchen stehen sehen. Bei Olympia ist ja die einzige Möglichkeit irgendwie ein Logo zu platzieren direkt an der Kleidung, sonst ist da nichts mit Sponsoring.

Ich glaube nicht, dass die hohen Preisgelder, die Streetleague oder Olympia den Kern von Skateboarding bedrohen und verstehe diese Angst und den Wunsch, dass alles so ist wie früher bei Vielen nicht

Man liest öfter, dass die Streetleague als Vorstufe für ein Skateboardevent bei den Olympischen Spielen fungiert.

Das ist auch nicht Nike. Das ist ja wieder was Unabhängiges davon. Das sind auch nur Gerüchte bisher, aber was aktuell passiert ist, ein Wettbewerbssystem zu erstellen, was für Olympia kompatibel ist. Dass man sich quasi dafür qualifizieren kann, egal wo man herkommt. Das ist für die Olympischen Spiele ganz entscheidend und das wird aktuell aufgebaut. Das merkst du daran, dass auf einmal Tampa auch mit der Streetleague verbunden ist, als Qualifikation quasi. Und mit Tampa ist dann die Damn AM-Serie verbunden, wo man sich für Tampa qualifizieren kann. Deshalb ist das im Prinzip die Vorstufe davon, weil sich eben dieses internationale Wettbewerbssystem aufbaut. Und ein Wettbewerb oder Contest, ist ein Teil vom Skaten.

Was viele Leute kritisch sehen oder sich fragen, ist, wie so ein Contest aussieht. Contests gab es schon immer, aber die sahen früher ganz anders aus als heute. Auch Tampa sah vor 15 Jahren komplett anders aus als heute.

Ja? Wenn du mich fragst, ist es immer noch das gleiche System. Es ist immer noch auf Holz.

Aber die Art und Weise, wie alles abgelaufen ist, wie Runs gefahren wurden und die Stimmung dabei, war eine andere. Es scheint heute mehr auf Leistung ausgerichtet zu sein, was bei den Preisgeldern ja auch nur logisch ist. Wie bist du denn demgegenüber eingestellt, dass Skateboarding bald olympisch wird?

Ich denke, dass Skaten nur davon profitieren kann. Man kann die Entwicklung jetzt nicht aufhalten und ich denke, dass dadurch ein sehr großes öffentliches Interesse entsteht, das für Skaten nur förderlich sein kann. Dadurch wird vor allem eine Sache passieren und zwar werden mehr Skateparks gebaut, weil Bernd X aus dem Sportamt in Stadt Y das bei Olympia sieht und sich fragt: „Okay, wieso haben wir noch kein Trainingslager?“, dementsprechend werden Städte mehr Geld zur Verfügung stellen, um da so was zu bauen, wie z.B. die Northbrigade, dat jute Trainingszentrum. Wenn es so was häufiger gibt, fangen auch mehr Leute wieder an zu skaten, dadurch wird die Industrie gefördert und es kommt positiv zurück.

Siehst du in der Entwicklung hin zu Olympia und zu mehr Skateparks nur positive oder auch negative Aspekte?

Die Art und Weise wie Skateboarding von der breiten Masse betrieben wird, wird sich durchaus verändern. Gut möglich, dass sich die Szene noch mehr in zwei Lager spaltet. Als ich angefangen habe galt, je länger der Trick desto besser bzw. besser wenn du mit Kickflip reingehst. Das gilt auch heute noch, nur dass es jetzt auch parallel eine Art Gegenbewegung gibt, die lieber No-Comply, Wallies und Slappies machen und das ganze etwas lockerer und weniger sportlich angehen. Allerdings heißt das nicht, dass diejenigen, die es sportlich angehen kein Spaß dabei haben, das ist ja kein Widerspruch. Jeder skatet wie er will und wie er Spaß hat und ich finde, dass jeder Aspekt von Skaten auch seine Anerkennung verdient hat. Ich glaube nicht, dass die hohen Preisgelder, die Streetleague oder Olympia den Kern von Skateboarding bedrohen und verstehe diese Angst und den Wunsch, dass alles so ist wie früher bei Vielen nicht.

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