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Happy. Sad. Happy. – Tjark Thielker Interview

Als Tjark 2012 in das Team der damals neuen, vielversprechenden Skateboard-Company Polar von Pontus Alv kam, wollten wir natürlich erst recht ein Interview mit dem „Smutje“ machen, der seinerzeit mittlerweile in Berlin heimisch geworden war. Bis zum Ende des Sommers 2013 planten wir mit Tjark Fotos zu sammeln – eine Fehlkalkulation wie sich im Laufe der Zeit herausstellte. So neigt sich das Jahr 2015 wie auch der Artikel-Prozess erst jetzt langsam, aber dafür sicher und gelungen dem Ende entgegen. Eine Ursache für die Kaugummihaftigkeit des Unterfangens könnte darin liegen, dass Tjark eine Zeit lang nicht besonders happy war, eine andere, dass er sich generell und mit steigendem Alter noch lieber viele Gedanken macht, bevor er etwas sagt oder tut oder zum Druck freigibt. Nicht leicht also Tjark Informationen über seine Person zu entlocken. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass er seit dem zweiten Promo-Tape von Polar – in dem er keinen Trick hatte – nicht mehr auf deren Webseite geführt wurde, haben wir es versucht und Antworten bekommen. Tjark Thielker Interview
Hi Tjark. Du kommst gerade aus Namibia. War es so, wie du es dir vorgestellt hattest?
Ehrlich gesagt, nein. Ich dachte, das Land wäre wesentlich weniger entwickelt. Man hat immer so ein Bild von bestimmten Dingen vor Augen, das sich aber oft von der Realität unterscheidet. In erster Linie war ich gespannt, weil Namibia eine deutsche Kolonie war und ich mich gefragt hatte, wie stark die Spuren noch zu sehen waren – und ich war auf jeden Fall ziemlich überrascht. Jede zweite Straße trägt einen deutschen Namen und, gerade wenn man sich als Tourist im Land bewegt, dann merkt man doch ziemlich schnell, dass es noch stark von der deutschen Kolonialzeit geprägt ist. Die meisten Hotels und Gasthäuser tragen deutsche Namen und man kann deutsche Gerichte bestellen. Außerdem findet man immer wieder deutsche Worte, wie Turnhalle, Kegelbahn und Seeblick im Stadtgeschehen.
Leben noch viele Deutsche dort?
Teilweise. Wir sind weniger mit Deutschen als mit Südafrikanern in Kontakt gekommen. Zum Ende des Ersten Weltkriegs besetzten die Südafrikaner nämlich Deutsch-Südwestafrika bzw. jetzt Namibia und regierten das Land, bis es 1990 die Unabhängigkeit erlangte. Einer der wenigen Deutschen, die wir getroffen haben, Eike, ist vor Ewigkeiten mit seinem Vater ausgewandert und hat sich einfach mal ’ne Betonminirampe in den Garten bzw. in die Wüste gebaut. Crazy! Auf jeden Fall war es ein intensiver Trip. Wir sind in zehn Tagen fast 3000 Kilometer gefahren, wovon mindestens die Hälfte eher Schotterpiste als Straße war. Wir sind viel geskatet und haben trotzdem alle größeren Attraktionen angeschaut. Zwischendurch hatte ich noch eine Lebensmittelvergiftung, also es war ziemlich anstrengend. Wenig Schlaf, aber dafür fast das ganze Land gesehen, super viele Eindrücke gesammelt und definitiv eine gute Zeit gehabt.
Du erlebst gerade deinen vierten Herbst in der Hauptstadt. Kann man sich in Berlin jemals ganz zu Hause fühlen, wenn man zugezogen ist?
Das kommt stark darauf an, was du in Berlin machst und was für ein Typ Mensch du bist. Wenn du einen „Auftrag“ und ein soziales Umfeld hast, einen festen Freundeskreis, evtl. ’ne Freundin und eine coole Wohnung, wenn du nicht drei Monate hier zur Zwischenmiete und fünf Monate dort wohnst, dann ist es, glaube ich, genauso gut möglich wie in jeder anderen deutschen Stadt. Es kommt halt auf die Gegebenheiten an oder vielleicht auch in welchem Abschnitt deines Lebens du dich gerade befindest. Als ich hier hingezogen bin, hatte ich das Glück die ersten drei Monate bei Lennie [Burmeister] unterzukommen und mir von dort aus eine eigene Wohnung zu suchen. Außerdem kannte ich schon viele Leute, gute Freunde von mir wohnen seit Jahren in Berlin und somit war nicht alles völlig neu und daher hat es auch nicht lange gedauert, bis ich das Gefühl hatte angekommen zu sein. Ich glaube, so etwas macht viel aus. Tjark Thielker – Heelflip

Heelflip | Photo: Herzmann

Es gibt viele gesponserte Skater, die aus demselben Nest kommen, selbst wenn es ein kleines Nest wie zum Beispiel Nienburg in Niedersachsen ist. Stichwort basta! Woran liegt das?
Deine eigene Entwicklung ist immer stark von deinem Umfeld geprägt. Wenn du früh Skater kennenlernst, die schon länger dabei sind, und du dadurch siehst, was möglich ist, motiviert das natürlich krass. Mann pusht sich gegenseitig, lernt schneller und hat vielleicht auch weniger Angst vor bestimmten Tricks oder so. Früher war das Maß der Dinge, was um dich rum passiert ist, oder das, was du in der Monster oder Limited gesehen hast. Heute kannst du dir quasi 24 Stunden am Stück das krasseste Skaten angucken und dementsprechend schnell vollzieht sich die Entwicklung. Ich denke Lennies Scheune in der Heimat hat großen Einfluss auf jeden Skater der Region und ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass viele Leute von der basta! Crew seit Ewigkeiten in der Szene am Start sind.
Ist man eigentlich Norddeutscher, wenn man zwischen Hannover und Bremen geboren wird?
Gute Frage. Ich würde mich schon als Norddeutschen bezeichnen. Ich bin nicht so der Freund davon, viel von sich preiszugeben, sondern eher etwas introvertiert, wenn es um Selbstdarstellung & Co geht. Interviews an sich empfinde ich eher unangenehm als angenehm [lacht]. Wenn du mich nach einer norddeutschen Mentalität fragst, könnte man vielleicht das Sprichwort „Stille Wasser sind tief“ nennen.

Der Hype um Polar und der damit verbundene Erwartungsdruck, oder was auch immer, hat sich auf mein Selbstbewusstsein und auf mein Skaten ausgewirkt…

Der typische Rheinländer ist ja das genaue Gegenteil. Wie war es 2007 in Köln anzukommen und welche Rolle hat die Zeit für dich gespielt?
Vielleicht ziehen sich Gegensätze ja auch an [lacht]. Nein, das hat sich damals einfach so ergeben. Ich bin ja mit einem guten Freund nach Köln gezogen und außerdem waren Paco und Skateboarding ein gutes Bindeglied in der Stadt. Demnach war es jetzt nicht unbedingt schwer für mich dort anzukommen. Als erste Station nach dem Elternhaus hat mich Köln schon sehr geprägt. Die erste eigene Wohnung, Großstadtleben, das bedeutet natürlich auch sich auszuprobieren.
Als 2013 deine Polar-welcome-ad rauskam, dachten viele sofort: Das passt perfekt. Wie kam es dazu, dass du ein Jahr nach deinem Berlin-Umzug von Trap auf Polar gekommen bist?
Das hing mit dem Clepto Video zusammen. Nach der Premiere von Rollen Aaller 3 in Hamburg – dem Sankt-Nimmerleins-Tag wie der Cäptn immer gesagt hat – gab es unter anderem auch eine Premiere in Berlin im Rahmen der Bright, wo auch Pontus das Video gesehen hat. Pitt [Feil von Clepto/Lousy] kam an dem Abend zu mir und meinte, dass mich da mal einer kennenlernen möchte. Also hat er uns vorgestellt und Pontus sagte, dass ihm mein Part gefallen hat. Er hat mir von Polar erzählt und gefragt, ob ich schon was davon gehört hätte und ob ich mir vorstellen könnte für seine Company zu fahren. Und ja… ich war begeistert und habe ein paar Tage später zugesagt. Tjark Thielker – 180 Fakie Nosegrind

180 Fakie Nosegrind | Photo: Feye

Ich glaube, viele Leute haben sich damals gefreut mal wieder einen deutschen Skater auf einer vielversprechenden, internationalen Company zu sehen. Jetzt wird dein Name aber nicht mehr auf der Website geführt…
Ja, … gute Frage. Das hat sich über die Zeit so entwickelt und ist ’ne ziemlich lange Geschichte.
Wir hätten Zeit…
[lacht] Ja… Wie du eben schon gesagt hast, war ich zu Beginn fester Bestandteil des Teams und kurze Zeit später fand dann die Polar & Palace Tour 2012 in Malmö und Kopenhagen statt, wo ich auch gleichzeitig das ganze Team kennengelernt habe. Ich war gehyped dabei zu sein, habe mich aber gleichzeitig auch nicht 100%ig wohlgefühlt in meiner Haut. Der Hype um die Company und der damit verbundene Erwartungsdruck, oder was auch immer, hat sich dementsprechend auf mein Selbstbewusstsein und auf mein Skaten ausgewirkt. Es war halt so eine Gratwanderung zwischen motiviert und eingeschüchtert sein. Auf der Tour waren ca. 16 Leute dabei, alle schon mehr oder weniger etabliert in Europa und ich war quasi der Smutje und so habe ich mich dann teilweise nicht getraut ’ne Ansage zu machen und mir die Zeit für einen bestimmten Trick zu nehmen. Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass mein Clepto Part als Standard gesehen wurde. Der Part ist aber über drei Jahre entstanden und zeigt mehrere Stationen meines Skatens und so etwas in kürzester Zeit zu reproduzieren, ist natürlich nicht leicht. Außerdem befand ich mich gerade in den ersten Semestern meines Studiums, habe in der Uni alles ziemlich ernst genommen und war nicht so produktiv, wie Pontus sich das vielleicht gewünscht hätte. Also wenn ich jetzt so rekapituliere, muss ich sagen, dass ich der Doppelbelastung zum damaligen Zeitpunkt nicht gewachsen war. Irgendwie konnte ich mich zu dem Zeitpunkt einfach nicht richtig locker machen. Nach der Tour ist die Kommunikation unregelmäßiger geworden und trotz mehrerer Mails mit Footage Previews, erschien das zweite Promo dann ohne mich. Weder mit Footage, noch mit Namen war ich darin vertreten. Da wurde vorab nichts kommuniziert und kam erst im Nachhinein auf den Tisch. Kein gutes Gefühl. Pontus hat sich später entschuldigt und mir seine Sicht der Dinge geschildert. Wir haben uns dann über Polar und mich unterhalten und seitdem mache ich mein eigenes Ding und halte zusammen mit Jan [Kliewer] in Deutschland die Fahne nach oben. Mehr aber auch nicht.
Ärgerst du dich im Nachhinein, dass du nicht öfter nach Malmö geflogen bist, um mit den Jungs connected zu sein und skaten zu können?
Anfangs hat mich die ganze Entwicklung schon gut belastet und ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen. Klar hätte ich mehr Eigeninitiative zeigen können, aber ich bin auch einfach nicht der Typ, der sich gerne irgendwem oder irgendwas aufzwingt. So etwas muss schon von beiden Seiten gewollt sein, ansonsten fühlt es sich nicht gut an.
Gab es die Überlegung wieder für eine deutsche Firma zu fahren?
Bisher nicht, nein. Die Company an sich gefällt mir ja nach wie vor und die Boards fahre ich natürlich auch noch sehr gerne. Tjark Thielker – Fastplant

Fastplant | Photo: Herzmann

Ursprünglich hatten wir dieses Interview mal für Ende 2013 eingeplant, aber haben es dann immer wieder verschoben. Jetzt ist 2015 fast vorbei. Warum hat es sich gezogen, bis es soweit war, dass wir zufrieden waren?
Wow, da bin ich ja fast zwei ganze Jahre zu spät dran! [lacht] Ich denke, dass es da verschiedene Gründe gibt. Wie gesagt habe ich mich 2012 nicht besonders gut gefühlt und war ziemlich nachdenklich. Dadurch, dass es anfangs ein Projekt von Henne und mir war, hat die räumliche Distanz, Köln - Berlin, auf jeden Fall einen Teil dazu beigetragen und ein bisschen die Spontanität genommen. Hinzu kommt, dass es in der Zwischenzeit mehrere Fotos oder Artikel, z.B. den Magic Number Artikel mit Louis [Taubert] und Niklas [Speer v. Cappeln], gegeben hat, in denen Tricks veröffentlicht wurden, die ich ansonsten für das Interview aufgehoben hätte. Leider bin ich keiner von denen, die am Fließband produzieren und nebenbei für ein Interview sammeln. Und mein eigener hoher Anspruch macht die Sache nicht unbedingt leichter.
Was ist eigentlich aus dem Adidas Plan geworden den Dogshit-Spot umzubauen?
Das sollte eigentlich vor dem Skate Copa Event passieren, was dann aber auf dem Tempelhofer Feld stattfand, weil es irgendwelche Probleme mit Baugenehmigungen gab.
Mir ist klar geworden, dass ich doch lieber mein eigenes Ding machen möchte, als etliche Bewerbungen zu schreiben und fünf Tage die Woche für jemand anderen zu arbeiten
Schade. Als angehender Landschaftsarchitekt hättest du dich bestimmt mit einbringen können.
Ja, das wäre schon denkbar und bestimmt auch cool gewesen. Man hätte zum Beispiel Einfluss auf die Gestaltung und die Integration des Skateparks in die Umgebung nehmen können… Ich muss aber auch ehrlich sagen, dass ich mich über die Jahre von meinem Studium entfremdet habe. Ich habe schon den Anspruch das zu beenden, allerdings sieht es momentan so aus, als würde ich danach andere Wege einschlagen.
Nämlich?
Ich werde wohl ein Vintage/Second-Hand Möbelgeschäft, also An- und Verkauf von Möbelstücken, Designklassikern aus den 50er, 60er und 70ern starten. Das hat sich so nach und nach eingeschlichen und ist dann zu einer zweiten Passion geworden. Es funktioniert ganz gut und fühlt sich irgendwie richtig an. Gerade auch, weil ich das für mich mache. Im Laufe des Studiums ist mir klar geworden, dass ich doch lieber mein eigenes Ding machen möchte, als etliche Bewerbungen zu schreiben und fünf Tage die Woche für jemand anderen zu arbeiten.
Gibt es bei dir eigentlich manchmal Phasen, wo du des Skateboardings überdrüssig bist?
Skateboarding an sich auf keinen Fall. Manchmal hat man halt weniger Lust was zu produzieren oder Interviews zu geben. Besonders in Phasen, in denen man besonders viel produzieren möchte und es nicht so klappt, wie man sich das vorstellt, muss man sich einfach immer wieder vergegenwärtigen, dass der Spaß im Vordergrund steht. Genau dann ist es nämlich an der Zeit ohne Kamera mit den Freunden durch die Stadt zu ziehen oder doch einfach am MBU zu bleiben. [lacht] Trotzdem habe ich Lust mich weiterzuentwickeln und neue Tricks zu lernen. Deshalb gefällt mir der Gedanke an das Möbelgeschäft noch mehr. Man hätte die Freiheit skaten zu gehen, wann man es möchte. Tjark Thielker – Nosegrind

Nosegrind | Photo: Herzmann

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