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Tuk-Tuk-Safari

Mackrodt & Kliewer in Kenia

Reisen erweitert den Horizont, sagt man. Und auch: Reisen ist Sehnsucht nach dem Leben; das einzig Taugliche gegen die Beschleunigung der Zeit. Skater wissen davon in den meisten Fällen ein Lied zu singen. Erst recht solche, die auf eine ordentliche Anzahl an Jahren in gönnerhaften Sponsoring-Verhältnissen zurückblicken können – wie Michi Mackrodt und ich. Die Aussagekraft obiger Sätze lässt sich im Prinzip direkt an uns ablesen: ich, der halbwegs gesettelte, leicht angegraut – Michi, der vier Jahre jüngere, quirligere und ungleich frischere mit der Vielfliegerkarte. Doch wie kommt der Vielfliegerkarteninhaber an sein entschleunigendes Lebenselixier, wenn sein Horizont schon unzählige Barca-Besuche und Reisen um den halben Erdball umfasst? Richtig: Er geht immer neue Wege – und irgendwann landet er dann in Kenia!

Better watch your back cause you might get smoked!

Auf der Internetseite des Auswärtigen Amts finden sich im Zusammenhang mit Kenia allerhand Reisewarnungen. Neben Erwartbarem, wie Krankheiten und wilden Tieren, warnt die Behörde auch ausdrücklich vor Terror und Kriminalität in all ihren Facetten: Trickbetrug, Carjacking, Ausspähungen, gewalttätige Übergriffe und vieles mehr. Und zugegeben: Als westeuropäischer, weißer Skater fühlt sich Kenia zuerst einmal an wie die bayrische Kleinstadt auf der Alm wohl für einen Afrikaner – in jedem Fall ist man die bunte Kuh! 

Ganz klar ist das Land von großer Ungleichheit geprägt. Nur anders als in vielen Klischees sind es hier nicht weiße Westler, die die Armen ausbeuten, sondern (neu-)reiche Kenianer selbst. Die abgeschotteten Reichenghettos mit Prunkvillen und den neuesten SUVs grenzen direkt an Wellblechhütten-Slums. In beiden Städten, die wir nach Spots durchkämmten, Mombasa und Nairobi, herrscht reges Treiben. Gedränge auf Gehwegen und Märkten, sogar die Straßen quellen über vor Verkehr. 

"Wir waren auf einem leeren Parkplatz skaten und plötzlich von Holzkeulen schwingenden Polizisten umzingelt."

Schedderige Tuk-Tuks tönen, scheppernde Matatu-Minivans dröhnen und Abgase übertünchen den Duft des frischen Obstes und Gemüses, das direkt am Straßenrand feilgeboten wird. Nachts fehlt die Straßenbeleuchtung… perfekte Bedingungen für Kriminelle aller Art, möchte man meinen. Doch eigentlich war eher das Gegenteil der Fall. Oft wurden wir freundlich angesprochen – die Skateboards unterm Arm trugen sicher ihren Teil dazu bei. Jeder freute sich über Besucher, war offen und interessiert, scherzte in entspannter Stimmung. Die einzigen unschönen Vorkommnisse waren tatsächlich Begegnungen mit dem vermeintlichen Freund und Helfer.

Eines Abends entgingen wir nur knapp einer Militärpolizeistreife mit Maschinengewehr, die uns unter fadenscheinigem Vorwand in eine dunkle Gasse lotsen wollte. An einem anderen Nachmittag hatten wir weniger Glück. Wir waren auf einem leeren Parkplatz skaten und plötzlich von Holzkeulen schwingenden Polizisten umzingelt. Unter völlig aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen führte man uns auf die Wache. Während Geheul und Hiebe aus einem Verschlag nebenan drangen, hieß es auch ziemlich unverhohlen: Wir könnten gleich zahlen – oder die Nacht in der Zelle verbringen! Na ja, wir ließen uns nicht einschüchtern und waren etwa eine halbe Stunde später wieder auf freiem Fuß – ohne zu blechen!

Time travel

Wie gesagt, als zum Skaten interessant hatte Visual Traveler und Linefisher Michi Mombasa und Nairobi auserkoren. Die beiden größten Städte Kenias liegen etwa 500 km voneinander entfernt, doch hätten eigentlich auch in verschiedenen Ländern liegen können. Erste Etappe: die Hafenstadt Mombasa, arabisch geprägt und in Sachen Architektur von eher einfachem Charme. Unser Lieblingsfortbewegungsmittel, das Tuk-Tuk, ist allgegenwärtig. Skate-Locals: eigentlich Fehlanzeige; erst am letzten Tag kommt ein total gehypter Typ im ölverschmierten Blaumann auf uns zu. Er meint, er hätte uns von seiner Autowerkstatt aus gesehen. Er sei der einzige Skater der Stadt. Dann fragt er nach Tipps für bessere Ollies. Schnell wird klar: Seinem Board fehlt Griptape! Wir vermachen ihm unsere letzte Rolle Ashes und steigen ins Tuk-Tuk Richtung Hauptbahnhof.

"Müllsammler auf elenden Deponien und freudig winkende Kinder vor Blechhütten, endlose Weite mit roter Erde und sattem Grün, Zebras und Giraffen."

Wenig später hält der Fahrer an einer Wellblechhütte neben einem Abstellgleis. Ungläubig schauen wir uns um und tatsächlich, in der Wellblechhütte erkennen wir ein paar Kartenverkäufer. Ja, der Nachtzug fährt zweimal pro Woche. Ja, es ist der einzige Zug, der hier fährt. Ja, Strecke und Zug sind noch von den Engländern, Kolonialzeit… Der Nachtzug war dann sehr angenehm, 2. Klasse mit warmem Essen und kaltem Bier. Vor dem Fenster zog Afrika im Schnelldurchlauf vorbei: Müllsammler auf elenden Deponien und freudig winkende Kinder vor Blechhütten, endlose Weite mit roter Erde und sattem Grün, Zebras und Giraffen.

Am Morgen dann spuckte uns die Zeitkapsel Zug wieder aus. Nairobi: ähnlich voll wie Mombasa, aber mehr Gegensätze; mehr arm, mehr reich. Ein Ansatz von Skyline und Business. Keine geliebten Tuk-Tuks, nur teure Taxis. Preise wie bei uns, aber nur ein Teil, der sie zahlen kann. Im Vergleich zu Mombasa definitiv eine andere Welt. Für uns trotzdem etwas überraschend hatte der einzige Skater von Mombasa hier sicher 150 Gleichgesinnte – für die Michi schnell zum neuen Skate-Gott avancierte, zum König des Local Mainspots: Uhuru Park, hauptsächlich bestehend aus Manual Pads und Flat! Der König der Hasenheide kam auf Staatsbesuch – und als Gastgeschenk verfügte er am letzten Tag, allen verbliebenen Skate-Stuff unserer Reisegruppe möglichst gerecht unter den Locals zu verteilen. 

The lion sleeps tonight

Ohne Skate-Stuff und nach knapp zwei Wochen intensiver Spot-Jagd stand als Belohnung für uns noch eine richtige Safari an; Königstreffen mit den Löwen sozusagen. Safaris lassen sich von Nairobi aus herrlich unkompliziert im Taxi erleben. Der Nairobi National Park liegt praktischerweise direkt vor den Toren der Stadt. Zebras, Giraffen und Antilopen. Die Wildnis zum Greifen nah. Auf der einen Seite die Skyline der Stadt und auf der anderen wirkliche Weite. Das Königstreffen blieb dann aber aus. Kein Löwe ließ sich blicken. Kein' Bock? Ausgewandert? Oder verdrängt? Vielleicht sogar auf dem Weg Richtung Mittelmeer…? Who knows. Keine Löwen also, nur wir allein im Taxi im endlosen Nationalpark. Die Sonne senkte sich und was blieb, war weiter Horizont

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