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Tobi Fleischer – Untergrund Interview

Ende Mai. WhatsApp Nachricht von Tobi Fleischer. Er ist dabei seinen Ender zu filmen, schreibt er und fügt an: „Schick dir grad ’nen Bail dazu.“ Das kurz darauf eintrudelnde Video verschlägt die Sprache. Es sieht aus, als würde er per 50-50 direkt in den Schlund der Hölle grinden. Unter einem Fußgängerübergang führt ein so elend langes Rail hindurch, dass man die Backsteinstufen auf dem Handydisplay bis nach oben hin gar nicht zählen kann. Das Problem. Am Ende des Rails befinden sich weitere drei Stufen, in die man bei der Ausfahrt genau hineinschießt. Spätestens da ist Feierabend. Mittlerweile haben wir August. Tobi war drei Mal bei dem Rail und hat drei Mal kassiert. Einmal will er noch, doch die Deadline drückt und das Monster-Geländer zehrt an den Nerven. Eine Woche nach dem Interview dann eine weitere Nachricht von Tobi. Doch lesen wir zuerst, was vorher geschah.

Hi Tobi, du kommst gerade von Mission, wie war’s?

Ich war mit dem Leo (Preisinger) in der Messestadt skaten und hab mir ein Kinkrail angeschaut, das aus der Entfernung übelst gut aussah. Aber wie es so ist, man kommt hin und dann war’s halt wieder Alu. Ich hab’s gewachst und so weiter, aber das ist wieder so eine miese Sau. Einen möchte ich aber am Wochenende noch machen. Irgendwas muss noch passieren.

Du hast dich in den letzten Wochen noch mal mit ein paar fiesen Dingern angelegt, oder?

Ich habe mich noch mit einigen angelegt und möchte mindestens noch einen Kampf gewinnen, weil ich schon noch einen dicken Trick haben will. So ist der Part zwar ganz geil, aber ich bin nicht voll zufrieden.

Wie bist du eigentlich darauf gekommen, dich mit so großen Rails zu beschäftigen?

Gute Frage… Railfahren liegt mir einfach. Ich habe irgendwann mit kleinen Rails angefangen, dann wurde ich immer sicherer und die Rails sind größer geworden. Es macht mir einfach Spaß, weil ich immer relativ safe drinsteh. Ich kann das gut einschätzen und das ist irgendwie mein Ding. Stufen springen oder so… Ich mein, ich bin auch nicht der Leichteste und dann geht das ganz schön aufs Kreuz und die Gelenke. Wenn ich mich 15 Mal Stufen runter hau, dann ist Ende im Gelände für den Tag. Beim Rail ist das irgendwie anders, irgendwie angenehmer.

Tobi Fleischer – Backside Smithgrind

Backside Smithgrind | Foto: Leo Preisinger

Wobei du auch ordentlich eingesteckt hast. Du bist gesackt und dann war da noch das Doublekink in Berlin…

Das ist mir 13 Jahre lang nicht passiert, dass ich mir so oft an Rails wehgetan hab. Keine Ahnung, was da los war. In Berlin war das auch nicht gerade das beste Rail, aber ich bin auch einfach unglücklich gefallen. Da habe ich mir die Hand schön aufgerissen und mein Handgelenk tut immer noch weh, vielleicht habe ich mir da irgendwas angeknackst, keine Ahnung. Und ja, bei dem ganz langen Rail bin ich drei Mal gesackt in drei Wochen. Drei Mal dort gewesen, drei Mal fett auf die Eier gefallen. Ist mir davor noch nie passiert. Ich hab’s sogar kaputtgesackt. Da ist die Schweißnaht gerissen. Das heißt, ich musste ein Loch reinbohren mit Gewinde und dann eine Schraube rein, damit das Rail wieder fahrbar ist, weil das sonst hochgestanden hätte und ich hängen geblieben wäre.

Du hast das Rail beim sacken abrasiert?

Ja, ich bin voll aufs Steißbein gefallen und hab’ damit die Schweißnaht zerrissen. Ich konnte ungefähr eine Woche lang nicht sitzen auf der Arbeit.

Autsch! Hast du denn Angst, wenn du weißt, dass du am nächsten Tag auf ein großes Rail springst?

Eine gewisse Portion Respekt braucht das schon, aber sobald du Angst hast, kannst du es gleich lassen. Gut, beim dritten Mal, als ich bei dem langen Rail war, konnte ich mir am Anfang überhaupt nicht mehr vorstellen, da draufzugehen. Ich bin beim ersten Versuch direkt gesackt und stand danach noch eine Stunde davor und konnte nicht mal mehr richtig runterschauen, weil ich so Schiss hatte. Dann kannst du es auch gleich lassen.

Ich bin voll aufs Steißbein gefallen und hab’ damit die Schweißnaht zerrissen. Ich konnte ungefähr eine Woche lang nicht sitzen.

Beim ersten Besuch an dem Rail warst du auch ein paar Stunden da, oder?

Ja, das braucht einfach Zeit, weil jeder Versuch sitzen muss und wenn der nicht sitzt, dann sackst du halt oder fliegst noch härter auf die Fresse. Ich war da mit den Eich Zwillingen und die haben auch mal probiert das Rail zu droppen, draufgestellt und gleich dermaßen auf die Fresse gefallen. Wenn man sich nicht sicher fühlt, dann muss man es lassen. Aber jetzt zum vierten Mal hingehen ist echt hart. Da bin ich schon aufgeregt.

Hast du eine bestimmte Routine, wie du so ein Rail angehst?

Normalerweise ist mein Standardtrick Frontboard. Dann weiß ich, wie sich das Rail anfühlt, und kann entscheiden, was ich noch mache. Bei so fetten Rails ist das was Anderes. Da stehe ich schon mal eine Viertelstunde und bereite mich geistig drauf vor und dann springe ich irgendwann einfach drauf, aber halt möglichst perfekt, weil bei solchen Rails möchtest du immer irgendwie runterkommen – egal wie. Hauptsache nicht in die Stufen, oder absteigen, oder nicht draufkommen. Ich muss mir ganz sicher sein, dass ich durchgrinde. Sobald die Möglichkeit besteht, dass ich abrutsche, lasse ich es.

Gibt es einen Moment, an dem du merkst, dass es soweit ist?

Irgendwann macht es Klick und dann kannst du reinspringen. Aber solange ich den Trick nicht von Anfang bis Ende durchgedacht habe und mir vorstellen kann, wie ich draufspringe, grinde und ausfahre, geht eigentlich gar nichts.

Tobi Fleischer – Frontside Bluntslide

Frontside Bluntslide | Foto: Ulrich Sperl

Hast du irgendwelche speziellen Konzentrationstechniken?

Ich krieg halt irgendwann Tunnelblick. Was mich stresst, ist, wenn Leute vorbeilaufen und stehen bleiben, um zu gucken. Da dreh’ ich manchmal durch und kann nicht mehr. Wenn Wind geht, ist unchillig, wenn viele Leute da sind, ist unchillig, viele Autos sind scheiße, wenn immer einer schauen muss, ob es jetzt klargeht ist’s scheiße… Aber ansonsten geh’ ich drauf, sobald der Tunnelblick da ist. Ich konzentriere mich nur auf den Trick und probiere alles andere auszublenden.

Gehst du richtig auf die Suche nach großen Rails?

Die letzten Wochen war das schon so. Sonst bin ich nicht die ganze Zeit auf der Suche, aber wenn ich mal zufällig eins sehe oder mir jemand eins sagt, dann fahr ich hin und guck mir das an.

Wenn plötzlich ein neues Riesenrail auftaucht, ist es dann so, dass du das nicht einfach stehen lassen kannst, dass das an dir nagt, es zu bezwingen?

Ja, schon. Mich zerfrisst gerade auch immer noch dieser scheiß 50-50, weil ich mir denke: „Ey, das gibt’s doch nicht.“ Ich bin eigentlich schon ausgefahren, aber diese drei Stufen da unten… Ich bin zehn Mal gelandet und mir hat es jedes Mal wieder die Füße verrissen, weil ich genau im Disaster in den Stufen aufkomme. Du kannst nicht drüberspringen, du kannst nicht davor runtergehen, du kannst auch keinen Firecracker machen, weil dich der Kink genau Disaster auf die Stufe draufstellt und dann verreißt es dir die Füße, das geht einfach nicht und das ärgert mich, weil ich ihn eigentlich schon hatte. Deswegen möchte ich den irgendwann einfach stehen. Das ist etwas, das mich nicht loslässt.

Wie fühlt sich das denn an, wenn man so ein Riesenrail runter schießt?

Das ist, als würdest du dem Tod von der Schippe springen und das fühlt sich ganz geil an. Es gibt einfach den übelsten Kick. Auf dem Cover finde ich das auch schöner anzuschauen. Wenn du jetzt einen No-Comply zehn Stufen runter machst, fuck, find ich unglaublich hart, aber nicht so schön, wie wenn du ein richtig fettes Rail siehst. Da ist immer im Hinterkopf: „Da kannst du bei sterben.“ Bei einem No-Comply Zehner kannst du besser abspringen oder wegkicken. Das heißt nicht, dass man sich dabei nicht krass wehtun kann, aber es ist einfach schmerzhafter, wenn du mit der Brust oder dem Bauch aufs Rail knallst, oder mit dem Steißbein die Schweißnaht zerreißt. Da freut man sich, wenn man das überwunden hat, und kann auch stolz drauf sein.

Das ist, als würdest du dem Tod von der Schippe springen und das fühlt sich ganz geil an

Vereinsamt man eigentlich, wenn man solche Rails skatet, weil einem jeder den Vogel zeigt, wenn man fragt, ober er zum 25er-Rail fahren mitkommt?

Da bin ich froh, dass ich die Eich-Zwillinge hab, die genau so denken wie ich und auch ähnliche Sachen fahren. Eigentlich bin ich fast nur mit denen unterwegs. Ohne die würde ich vielleicht ein bisschen allein dastehen, bei solchen Sachen. Aber bei dem fetten 50-50 z.B. ist der Peter eiskalt in einen Boardslide reingesprungen und hat ihn bis zum Ende durchgezogen. Er hat den zwar nicht gestanden, aber er ist komplett durchgeslidet und das war echt das Härteste, was ich je gesehen hab!

An diesem Rail!?

An diesem gigantisch langen Rail mit dem Kink und den Dreierstufen unten. Ich hab nichts mehr geglaubt! Aus dem Nichts ist der einfach draufgesprungen, aber den hat’s auch unten in den Stufen zerlegt.

Ich hoffe das nächste Mal, wenn du an dieses Rail kommst, hast du mehr Glück.

Ich hab gesagt, dass ich mir eine Snowboard-Protectorhose unter die Jeans anziehe, falls ich wirklich nochmal sacken sollte. Ich hab keinen Bock die Scheiße noch mal zu haben. Das ist echt kein Spaß. Bei dem einen Mal bin ich frontal nach vorne gefallen, ich hatte drei Tage lang einen roten Strich von der linken Schulter bis zur rechten Hüfte, wo das Rail eingeschlagen ist.

Hast du das mit der Snowboardhose schon mal gemacht?

Ne, noch nie. Ich halte da eigentlich auch nichts von, so bin ich eigentlich nicht. Aber ich bin auch noch nie in drei Wochen drei Mal gesackt. Das hat mich ein bisschen zerstört im Kopf, aber keinem sagen, falls ich ihn damit machen sollte. [lacht] [Anm. d. Red.: Tobi hat’s ohne geschafft]

Tobi Fleischer – Frontside Crooked Grind

Frontside Crooked Grind | Foto: Hendrik Herzmann

Bei dem Feeble in Bremen hast du ja Griptape unter das Brett geklebt, um die Reibung zu erhöhen. Gibt es noch andere Tricks, die man anwenden kann, um solche Rails zu fahren?

Das war das erste und einzige Mal, dass ich Griptape drunter gemacht habe. Sonst habe ich nie irgendwelche Hilfsmittel benutzt, Handschuhe oder so. Hätte ich vielleicht öfter mal anziehen sollen, in Berlin zum Beispiel, aber das passt einfach nicht.

Das Risiko muss dabei sein, damit es richtig zählt?

Genau so ist es. Wenn ich jetzt mit Ganzkörper-Polsterung auf ein Rail spring, ist das zwar immer noch hart, aber für mich nicht mehr so viel wert, weil du nicht dabei sterben kannst. Letztendlich ist das auch nicht so der Kick, weil du dich die ganze Zeit sicher fühlen kannst. Das macht den Reiz einfach aus.

Wenn es wehtut, dann tut es gleich eine Woche weh. Wie lange hält der Kick an, wenn alles gut gegangen ist?

Dann checkst du eigentlich noch gar nicht, was du gerade abgeliefert hast. Das kommt erst, wenn alles veröffentlicht ist und die Leute sagen: „Was bist du denn für ’ne kranke Sau?“ Dann checkt man, was man gemacht hat und dass das nicht jeder nachmachen kann. Und keine Ahnung, der Kick, wie lange hält der? Ein paar Tage.

Und dann sind die Gedanken wieder beim nächsten Rail?

Ne, das nicht. Dann denk ich erst mal: „Alter, okay jetzt hast du einen fetten Trick gemacht, jetzt darfst du auch mal chillen, bis sich etwas Neues auftut.“ Ich hab seit dem 33er Rail in Bremen auch keine riesigen Dinger mehr gemacht. Muss man auch nicht jeden Tag machen. Bei so einem fetten Ding bin ich erst mal froh, dass ich es überhaupt geschafft habe, ohne mich großartig zu verletzten.

Dann hoffe ich, dass noch alles klappt mit dem Biest.

Danke, den Kampf muss ich noch gewinnen, selbst, wenn ich draufgehe dabei. [lacht]

[Anm. d. Red.: 18. August, WhatsApp von Tobi: „Hab ihn.“]

Tobi Fleischer – Frontside Nosegrind

Frontside Nosegrind | Foto: Leo Preisinger

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