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Skateboarding zwischen Subkultur und Olympia

von Veith Kilberth

Skateboarding hat seit seinen Anfängen bereits mehrere Kommerzialisierungswellen erlebt, die gerade aktuelle könnte, dank der Aufnahme in das olympische Programm, die stärksten Veränderungen nach sich ziehen. Veith Kilberth hat im Rahmen seiner Dissertation deshalb zusammen mit Sport-Soziologie Professor Jürgen Schwier einen Sammelband veröffentlicht, in dem er das Spannungsfeld zwischen Subkultur und Olympia, in dem sich Skateboarding gerade befindet, ausführlich untersucht.

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Veith Kilberth

Hat dich die Arbeit an dem Buch wütend gemacht? Weil für mich hat die kurze Beschäftigung mit dem Thema Skateboarding und Olympia für die Recherche für dieses Buch schon gereicht.

Ich finde es eher spannend. Auch wenn das Thema etwas ganz anderes ist, als was mich damals zum Skateboarding gebracht hat, denke ich, dass sich dadurch nicht die Identität von Skateboarding ändern wird. Es spricht einiges dafür, dass der subkulturelle Gedanke nicht durch Olympia erstickt wird.

Wie würdest du den subkulturellen Gedanken definieren?

Skateboarding trat das erste mal Ende der 1950er Jahre in Erscheinung, aber das wichtige ist ja vor allem was Mitte der 1970er-Jahre geschehen ist, als sich das Skaten vom horizontalen Sidewalk Surfing in das vertikale Pool Skating entwickelt hat. Dieser Entwicklungsprozess ist damals mit anderen Subkulturen verschmolzen, z. B. der Punkszene oder der Dog Town Surfszene. Hier ist das Rollbrettfahren zur Subkultur geworden. Ich bin der Meinung, dass man dieses Skateboarding mit bestimmten Grundwerten charakterisieren kann wie z.B. Non-Konformität, Selbstbestimmtheit, Gemeinschaft, Einzigartigkeit, Kreativität, Unvorhersehbarkeit, Freiheit usw, die es bis heute prägen. Sozusagen die DNA von Skateboarding, die trotz der vielen Umbrüche in den letzten vier Jahrzehnten Skateboarding bestimmt.

Was ist die grundlegende Frage des Buches? Warum wolltet ihr das schreiben?

Bei Skateboarding zwischen Subkultur und Sport geht es ja um die Entwicklung einer selbstbestimmten Jugendkultur, die immer wieder von der Kommerzialisierung vereinnahmt wird. Die Frage ist, ob die subkulturelle Idee der Skate-Szene in dieser Entwicklung erhalten bleibt und welche Szenerien theoretisch denkbar wären. Bei der Idee zu dem Buch ging es darum sich diesen Entwicklungsprozess aus verschiedenen wissenschaftlichen Sichtweisen anzuschauen. Ich spreche hier aus der soziologischen Perspektive, aber man kann das z.B. auch aus der philosophischen oder kulturwissenschaftlichen Sicht sehen. Es gibt auch einen sportpädagogischen Beitrag, in dem untersucht wird, wie tauglich Skateboarding als Schulsport wäre, was bezogen auf die gerade genannten Grundwerte eigentlich ja schon ein Widerspruch in sich ist.

Welche Chancen sieht du denn durch diese Kommerzialisierung im Bezug auf Skateboarding?

Durch die Olympia-Geschichte und die Verstärkung des Wettbewerbsaspekts, wird es sehr wahrscheinlich möglich, dass es einen Weg geben kann alleine durch Contests eine Karriere in Skateboarding zu haben, also gesponsert zu werden bzw. davon zu leben. Bisher hat Skateboarding aus meiner Sicht dadurch funktioniert anders zu sein und vor allem auch diejenigen unterstützt, die nicht diesen Wettbewerbsaspekt leben. Skateboarding ist ja ein Miteinander, bei dem jeder seine eigenen persönlichen Ziele hat. Das ist etwas ganz Besonderes an Skateboarding, dadurch unterscheidet es sich von der klassischen Wettbewerbs-Konkurrenz im Sinne eines übergeordneten Klassenziels, das es zu erreichen gilt. Wenn man von der Verteilung von ökonomischen Ressourcen, z.B. wer bekommt welchen Sponsor ausgeht, muss man sagen, dass es bisher weniger nach objektiven, rationalen Prinzipien abläuft. Also nicht, wie in vielen anderen Sportarten nach dem Motto, wer die besten Contest-Ergebnisse hat, hat den größten Marktwert und bekommt deswegen auch das meiste Geld usw.

"Die Frage ist nun, ob Contest-Ergebnisse durch Olympia wichtiger werden, als die sozial-kulturelle Eigenlogik der Szene"

Die Frage ist nun, ob Contest-Ergebnisse durch Olympia wichtiger werden, als die sozial-kulturelle Eigenlogik der Szene, die bisher die Mittel verteilt hat? Das ist genau das Phänomen, das die Parallele zu Snowboarding bildet. Es scheint, dass im Verhältnis zum Support von Contest-Fahrern und Fahrerinnen, kaum noch Mittel für Videoproduktionen und Core-Snowboarding zur Verfügung gestellt werden. Es geht darum in der Turnhalle den nächsten Contest-Star zu formen, um die besten Voraussetzungen zu erfüllen eine besonders gute Leistung zu bringen. Das ist der Kern der Diskussion. Skateboarding würde sich drastisch ändern, wenn auf einmal nur noch die gesponsert werden, die sich auf Wettbewerbsergebnisse konzentrieren. Das würde regelrecht die subkulturelle Identität auf den Kopf stellen. Die Kommerzialisierung ist ja gar nicht mehr weg zu denken. Meine These ist, dass sich Skateboarding nur sehr begrenzt von außen beeinflussen lässt. Das ist eine gewagte These, denn man darf niemals die Macht des Geldes unterschätzen. Wenn man sich jedoch die Umbrüche in der Vergangenheit anschaut, würde ich sagen, dass es einige Anzeichen gibt, die dafür sprechen, dass es eine von innen gesteuerte Skate-Szene gibt, die sich immer wieder auf ihre subkulturellen Grundwerte besinnt. Die spannende Frage ist, ob diese sozial-kulturelle Eigenlogik der Szene einer potentiellen Verführung durch ökonomische Anreize standhält. Ausdruck eines Gegenentwurfs ist z.B. die DIY Praktik. Das ist der direkte Gegensatz zu einem geleckten SLS-Street-Course. Eine Art Gegenbewegung kann man auch in Brands sehen, die in ihrem Skaten den Fokus auf die Kreativität und den Style setzten, statt auf sportliche Progression.

Wie konnte es passieren, dass Leuten aus Verbänden, die wie auch immer zustande kamen, eine solche Macht zugeteilt wurde Skateboarding soweit zu beeinflussen und wie stehst du der Sache gegenüber?

Es war ja nicht so, dass Skateboarding kam und gesagt hat „Wir möchten jetzt auch dazu gehören“, sondern umgekehrt, dass das IOC gesagt hat, wir wollen jünger, urbaner und hipper werden. Aus Sicht der Szene hat sich eine fremde Macht Skateboarding einverleibt. Olympia ist ja eine der größten Sportplattformen der Welt, die stark von kommerziellen Interessen getrieben ist. Tony Hawk meinte ja auch „Olympia braucht Skateboarding mehr als Skateboarding Olympia“. Ich schließe mich dem an.

"Aus meiner Sicht gibt es keinen Grund Skateboard-Kultur-Pessimistisch zu sein"

Es gab ja schon Phasen wie diese in denen Skateboarding kommerzialisiert wurde oder fast ausgestorben ist. Konnten wir daraus etwas lernen oder können wir jetzt etwas daraus lernen wie man Skateboarding möglichst gut bewahrt vor schädlichen Einflüssen?

Ja, man kann sogar ein Muster erkennen. Man kann sagen, dass immer wenn Skateboarding zu sportlich wurde, sich die Skate-Szene auf Praktiken bezog, die sich davon abgrenzten und so eine Art Balance herstellten. Wenn wir annehmen, dass Skateboarding diesen Habitus hat und selbstbestimmt und kreativ usw. ist, dann liegt der Schlüssel darin die Vielfalt zu erhalten. Der britische Publizist und Pädagoge Ken Robinson hat einmal gesagt, dass das Gegenteil von Konformität nicht Non-Konformität, sondern Diversität ist. Genau diese Vielfältigkeit steht in enger Verbindung mit der subkulturellen Idee von Skateboarding, die es zu schützen gilt. Z.B. könnte man Events planen, die nicht nur für Contest-Skater/innen gedacht sind, sondern durch weitere kreative Aspekte eine breitere Plattform für die Szene bieten.

Fine Lines North Shoot  Preview Bearbeitet

Veith Kilberth – Backside 5-0 to Fakie

Was prognostizierst du für die Zukunft?

Ich glaube, dass was mit Olympia kommt etwas Zusätzliches ist. Der Wettbewerbs-Aspekt wird größer, aber auch die Gruppe derjenigen, die sich dagegen abgrenzen. Durch die Gegenposition zu Olympia wird es in beide Richtungen interessant. Aus meiner Sicht gibt es keinen Grund Skateboard-Kultur-Pessimistisch zu sein. 

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