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Own Skateboards

Made In Germany

Alles könnten sie in Baden-Württemberg, verspricht der das Bundesland im Südwesten bewerbende Slogan, außer Hochdeutsch. Um diese Behauptung in Gänze zu verifizieren, fehlt uns der Ehrgeiz, im Falle von Own, so viel können wir aber zumindest sagen, trifft dieses Alleskönnertum auf jeden Fall zu, denn dort wird, wie der Name schon andeutet, wirklich alles selbstgemacht – sogar bzw. vor allem die Boards. Die werden in einer Schreinerwerkstatt im beschaulichen Nürtingen (genau, dem Heimatort von Harald Schmidt) von Own-Gründer Philipp Günther, zusammen mit dem Rest des Teams, handgefertigt. Dass auf diese Art keine riesigen Produktionszahlen erreicht werden, dürfte klar sein. Der Output, den das Team dagegen auf Film bannt, ist immens und in diversen Tagesschau-Clips sowie ihrem neuen Video „Made in Germany“ dokumentiert. Es war ein langer Weg, 15 Jahre hat es bis hierhin gedauert, aber über die Zeit ist da was herangereift im Ländle, was weit über eine 08/15-Boardcompany hinausgeht. Daran wohl nicht unbeteiligt sind ein gewisser Starrsinn und Eigenbrötlerei, welche den Schwaben ja ebenfalls nachgesagt werden. Philipp hat jedenfalls eine ganz klare Vorstellung davon, wie Own sein bzw. nicht sein sollte, und denkt Skateboarding in erster Linie im Kulturkontext. Keine hohle Phrase, wenn es aus seinem Mund kommt.

Phil, wie viele Teamfahrer habt ihr jetzt?

Glenn Michelfelder, Robin Wulf und Andi Welther sind die drei bekannteren Namen. Pro zu sagen wär irgendwie blöd, da die Definition von Pro in Deutschland schwierig ist – bezahlen können wir sie natürlich nicht. Dann gibt’s noch Stjepan [Lovric], Denis Nitsche, Sheehan Kneeland, Zlati [Kevin Spina] und als neusten Tim Rebensdorf. Es haben sich vielleicht mal Wege getrennt, aber ich hab auch nie einen rausgeschmissen. Daniel Mertin, ein Reutlinger Rampen-Urgestein, als auch Sebo, Stefan Thomann und Michael Kempf gehören deshalb auch immer noch dazu. Und meinen Vater darf man nicht vergessen. Das ist eigentlich die wichtigste Person, der immer wieder den ganzen Kokolores mitgemacht und uns geholfen hat.

Da musst du ja gut ackern, um das Team mit Brettern zu versorgen. Wie viele Boards produziert ihr pro Monat?

Zwischen 15 und 20 Stück.

Wie hat das mit dem Bretter Selbermachen angefangen?

Das war 2002 meine Abschlussarbeit als Holztechniker. Zu der Zeit hatte ich aber noch nie gehört, dass das hingehauen hätte, Boards selbst zu machen, und ich konnte nicht einfach irgendwo anrufen und fragen, wie das geht. Irgendwann hatte ich dann das Brett und bin zum Klaus-Peter Grüb von der Skatebox gegangen, der hat das einmal mit dem Tail auf den Boden gehauen, hat sich das Knallen angehört und meinte: „Das ist ein Skateboard.“

Es hat also gleich mit dem ersten Board funktioniert?

In den 15 Jahren hat man natürlich viel dazugelernt und verändert, aber wir hatten auch CNC-gefräste Formen und Experten im Umfeld, wie den leider mittlerweile verstorbenen Alf Speidel, der absoluter Spezialist war, was CAD angeht, und wir haben Benni Müller, der Produktdesigner ist. Denn Skateboards zeichnen ist nicht so leicht, wie es sich anhört, dadurch dass sie in jede Richtung gebogen sind.

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Glenn Michelfelder - No-Comply Kickflip | Foto: Faby Reichenbach

Sind denn die selbst gemachten Boards besser als die industriell gefertigten?

Vom Fertigungsverfahren sind wir nicht weg vom industriellen. Nur dass da viele Leute an mehreren Pressen gleichzeitig arbeiten.

Du hast das Ganze von Anfang an ja mehr als Hobby betrachtet.

Mein Hobby ist eher arbeiten, damit das Ding hier funktionieren kann. Mir geht es dabei aber nicht primär ums Geld, sondern um die Kultur.

Kannst du das genauer beschreiben?

Es fängt damit an, dass ich eine Punk-Vergangenheit habe. Politische Sachen waren mir schon immer wichtig. Das geht mit einer gewissen Verweigerungshaltung einher. Dafür stand für mich damals auch Skateboarding. Das war der Sport, mit dem man sich separieren konnte. Ob wir da mittlerweile woanders angekommen sind, das mag jeder für sich entscheiden.


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Andi Welther – Kickflip Backside Noseblunt | Seq: Thomas Gentsch


Gab es denn jemals die Überlegung, zu wachsen und Boards in Woodshops fertigen zu lassen?

Ne, nie. Das mag sich etwas überheblich anhören, aber es gibt keine anderen, die mithalten können. Ist natürlich Quatsch, natürlich gibt’s einen Professor Schmitt, der sicher Wahnsinns-Bretter macht, aber seine Fabrik steht halt auch in Tijuana. Das Skateboard ist leider ein Produkt, das in Billiglohnländern produziert wird. Das ist auch ein Punkt, der mich stört. Aber ich will gar nicht auf anderen rumhacken, weil nicht jeder in der Position sein kann, die wir uns geschaffen haben, und es immer geil ist, wenn jemand was macht.

Ihr siebdruckt die Bretter ja auch selbst. Wer macht bei euch eigentlich die Grafiken?

Das ist nicht ganz so einfach, weil ich schon gewisse Vorstellungen habe. Das bezieht sich aber auf den gesamten Prozess. Den Medienauftritt, die Videos, die Grafiken – das soll alles Hand in Hand gehen. Aber natürlich lässt sich so was nicht alleine bewerkstelligen. Da kommen dann Leute wie Julian Häcker und Hein aka Aktion4All mit ins Spiel.

"Es ist ja auch irgendwie ein deutsches Ding, dass es noch keine Company aus Deutschland so richtig geschafft hat."

Wie funktioniert ihr denn als Kollektiv?

Also was jetzt Videos angeht… Es ging ja damit los, dass ich damals die VX gekauft und  viel gefilmt habe. Dadurch bin ich dann natürlich auch beim Schneiden neben dem Hein gehockt und hab mich eingebracht. Wir haben ein ganz gutes Miteinander entwickelt. Die Jungs werden ja auch nicht bezahlt, sondern machen das, weil sie Bock drauf haben, und dann kann ich nicht den Diktator machen, sonst verlieren sie die Lust. Und es wäre auch falsch, denn es entstehen dadurch wahnsinnig coole Sachen. Hein ist ein ganz tolles Beispiel, der sich in den Videoschnitt so reingefuchst hat, dass er da mittlerweile eine Koryphäe ist. Ich seh mich da eher als Bandleader, der immer versucht die richtigen Knöpfe zu drücken.

Wie kam es eigentlich, dass Own in letzter Zeit so viel mehr Aufmerksamkeit bekommen hat?

Die Frage stelle ich mir auch häufig. Ich glaube, das hat viel mit einer allgemeinen Entwicklung zu tun. Man konnte plötzlich Videos selber machen und war nicht drauf angewiesen, dass man irgendwelche Filmer kannte, um dann irgendwo aufzutauchen. Irgendwann haben wir das selbst in die Hand genommen. Dann ist da auch noch Robin, den man an der Stelle nicht vergessen darf. Irgendwann hab ich ihn gefragt: „Warum fährst du eigentlich nicht für uns?“ Und er hat nur geantwortet: „Weil du nicht fragst.“ Also hab ich ihn gefragt.

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Robin Wulf - Frontside Flip | Foto: Julian Häcker

Du hast ja auch Glenn und Lem Villemin entdeckt.

Glenn hat mir der Martin Grüb ans Herz gelegt, dann kam allerdings Andi mit Popular und hat ihn mir weggeschnappt. [lacht] Dann hab ich auf einem Contest Lem gesehen, der Kickflips von überall runter gemacht hat, und hab gesagt: „Du fährst jetzt für mich.“ Der wurde mir dann von Titus weggeschnappt. Ich war damals ja völlig grün hinter den Ohren und hatte keine Ahnung vom Skatebusiness. Aber die ganze Geschichte hat sich in den letzten Jahren wieder umgedreht und Glenn ist wieder bei uns.

Lem hat ja gerade auch keinen Boardsponsor…

Genau, wir arbeiten dran. [lacht] Das ist wahrscheinlich utopisch, aber ich hänge ihm sehr in den Ohren, dass er mal mit uns loszieht.

Man hat das Gefühl, Own ist nicht nur eine Company, sondern ein ganz enger Freundeskreis.

Genau. Auch Andi, der so ziemlich durch jede Facette des Geschäfts durchgegangen ist, ist wahnsinnig froh, dass er mit uns am Start ist und Einfluss haben kann. Dieses Selbermachen gibt dir schon viel zurück. Das ist was anders, als einfach nur Pakete aufmachen.

Die Jungs machen ja teilweise auch ihre Bretter selbst.

Die arbeiten einfach mit. Holzsheets herrichten, zusägen, zusammenfügen, verleimen, ausschneiden… Viele wissen gar nicht, was es bedeutet, ein Board zu machen. Die sollten das aber mal wissen, dann würden sie es nicht so rumschmeißen.

"Auf der einen Seite will Skateboarding gerade gefallen, will in der Vogue sein, will olympisch sein, wird diktiert von den großen Schuhbrands und, sorry, da sehe ich Own als ein essenzielles Ding. Wenn ich da nicht weitermach, dann tschüss."

Hast du Own eigentlich je absichtlich klein gehalten, um es zu schützen?

Abgesehen davon, dass man da allgemein kaum Geld mit verdient, ist es hier absolut aussichtslos, so wie wir Boards produzieren. Natürlich gehört das dazu, dass wenn du Boards machst, die auch im Laden sind. Deshalb werden die jetzt auch über kurz oder lang im Arrow & Beast sein. Das könnte sich dann Stück für Stück ausweiten, z. B. SHRN, Civilist, Lobby etc. Ich will aber nicht in irgendwelche Shops. Da kommen auch die Erfahrungswerte der Welthers [Andi und sein Bruder Christian, Anm. d. Red.] hinzu.

Was würdest du denn sonst noch gerne mit Own machen?

Für mich wäre es super, die Produktion auszubauen, z.B. zusammen mit Flüchtlingen, um denen Arbeit zu geben, auch wenn das organisatorisch wohl nicht leistbar ist. So was wie eine adidas x Palace Kollabo fänd ich natürlich auch gut.

Du meinst mit adidas zusammenzuarbeiten?

Ob das jetzt adidas ist oder Hugo Boss, irgendwas, wo man der Crew sagen könnte, ihr geht jetzt zu eurem Arbeitgeber und kündigt, weil die nächsten fünf Jahre haben wir das Ding sicher, aber das ist natürlich eine Utopie. Wahrscheinlich würden wir das machen, aber ich würde nie sagen, dass ich davon leben muss. Dann wäre das nämlich ein ganz anderer Kampf und wahrscheinlich ginge dann auch die Freude verloren. Ich bin kein Fan von Kollabos, hab ich bis jetzt auch nicht gemacht, wenn allerdings das Ergebnis stimmt… Aber nicht falsch verstehen, das ist nicht das Ziel. Ich glaube eher, dass die uns brauchen, als wir sie. Aber wenn du jemanden reinlässt, der Geld reinsteckt, dann erreichst du in dem Moment vielleicht mehr Leute, bist jedoch auch selbst weg vom Fenster. Ich hab das mit Aveal erlebt. Kumpels von mir haben das in der Garage angefangen. Das wurde dann immer größer und irgendwann hatten die nix mehr damit zu tun. Dann haben das andere Leute weitergemacht und mir war immer klar, dass mir das nicht passiert.

Stjepan Lovric - 50-50 | Photo: Julian Häcker

Stjepan Rail

Stjepan Lovric - 50-50 | Photo: Julian Häcker

Habt ihr denn auch lokale Bezüge? Euer Video heißt ja „Made in Germany“.

Nö, ich seh mich als Weltenbürger. Das „Made in Germany“ kam eher daher, weil die meisten Leute gar nicht wissen, dass wir selbst gemachte Boards haben.

Es steckt also auch nichts typisch Schwäbisches in Own?

Ne, außer Verweigerungshaltung ist was typisch Schwäbisches. Ich find so regionale Bezugnahme auch furchtbar. Wir schauen da lieber, wie andere aus England oder Frankreich das machen.

Ist das für euch ein Thema, das ihr diskutiert, dieses Spannungsfeld zwischen Authentizität und potenziellem Wachstum?

Eigentlich nicht. Ich hab dieses Wachstums-Ding eh nie richtig verstanden. Das ist meiner Meinung nach auch ein Problem unserer Zeit. Jeder kann gerade eine Boardcompany an den Start bringen. Jeder kann Boards bestellen. Du fuzelst eine Grafik zusammen, die wird dann irgendwohin geschickt und dann bekommst du die Boards. Dadurch gibt es in jeder Stadt fünf Companies und jeder Shop macht noch seine eigene Linie. Dadurch kommen die großen Boardcompanies in Bedrängnis. Das ist auch ein Stück weit ein Problem. Da sind wir wieder am Punkt der Kultur. Mir ist der Realness-Faktor sehr wichtig und im Bezug auf Wachstum ist uns wichtig, dass wir mit fair gefertigten Produkten und kurzen Lieferwegen arbeiten, auch was Textil angeht.

Robin Wulf Feeblegrind Stuttgart1Gentsch

Robin Wulf – Feeble Grind | Photo: Thomas Gentsch

Gerade blühen kleine Manufakturen und Handwerkstraditionen ja wieder auf. Spürt ihr das auch?

Nein, aber das mag auch an mir liegen, weil ich nicht damit hausieren gehe. Ich bin auch nicht der Top-Networker. Als ich auf der Bright war, war ich völlig baff, dass viele, z.B. die Lovenskate Jungs aus England, uns kannten. Ich war auch baff, als ich jetzt im Lobby Shop in Hamburg war und der Own kannte und vom Video gehört hatte. Aber man braucht auch einen Dickkopf, um bei seinem Ding zu bleiben, und ich bin heilfroh, viele Dinge nicht gemacht zu haben. Es ist ja auch irgendwie ein deutsches Ding, dass es noch keine Company aus Deutschland so richtig geschafft hat. Jetzt schau’n wir halt mal, wie weit der Weg geht.

Wenn du’s dir aussuchen könntest, wo würde die Reise hingehen?

Ich fänd es schon geil, vom Rest der Welt als coole Company wahrgenommen zu werden. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Man muss beständig weiterarbeiten und darf sich nicht auf Dingen ausruhen. Da sind wir dann doch wieder beim Schwäbischen. [lacht] Ich muss einfach losgehen und filmen, sonst fehlt mir was. Und es ist dann unbezahlbar, wenn jemand wie Torsten Frank auf der Videopremiere keine Sekunde verpassen will und danach begeistert vor dir steht. Auf der einen Seite will Skateboarding gerade gefallen, will in der Vogue sein, will olympisch sein, wird diktiert von den großen Schuhbrands und, sorry, da sehe ich Own als ein essenzielles Ding. Wenn ich da nicht weitermach, dann tschüss. Wenn ich das jemandem so sag, dann denkt der, ich hab ’ne Macke, aber so seh ich das.

Aber du musst natürlich auch aufpassen. Nicht dass Own zu stark wächst und du dann Tag und Nacht Boards pressen musst.

Nenene – das Board zu kriegen bleibt sehr exklusiv. Mir hat mal jemand gesagt, das wäre schwerer zu bekommen als ein Supreme Board. [lacht] Die Marke wird immer größer, aber dass deshalb mehr Boards verkauft werden, glaube ich nicht. Jürgen Blümlein vom Skateboardmuseum war zusammen mit Lem und Mark Gonzales in Russland. Und wenn Gonz da Jürgens rosa Board im Kofferraum liegen sieht und fragt: „Whose board is this?“, das ist auch wieder so ein geiler Moment. Es wird wahrgenommen. Ich mein, komm, das Robin Board war wohl Board des Jahres. Orange, bam! Da gab’s keins, das im Ansatz mitgehalten hat.

Sheehan Half Cap Farberoth

Sheehan Kneeland – Halfcab | Photo: Lars Roth

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