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Hans Jürgen Kuhn – Olympia Interview

Der Vorstand der Deutschen Skateboardkommission im Interview

Wir haben bereits mit Jürgen Horrwarth und Alex Mizurov über das deutsche Olympia Skateboarding Team gesprochen, doch der Chef hinter all dem ist Hans-Jürgen Kuhn, genannt Cola, der bereits in den 70ern mit Skateboarding begonnen hat. Nun ist er Vorsitzender der deutschen Skateboardkommission und nicht nur für das Olympiateam zuständig, sondern ganz allgemein für den Aufbau von Vereinsstrukturen in Skateboarddeutschland.

Stell dich bitte kurz vor. Was ist dein Hintergrund und wie bist du Vorsitzender der Skateboard Kommision geworden?

Ich bin einer der Gründer des Berliner Skateboard Vereins, des ältesten deutschen Skateboard Vereins, gegründet im Mai 1977. Ich habe das im Vorstand bis Ende der 80er gemacht. Zwischenzeitlich war ich 10 Jahre  Lehrer, bin aber 1987  bei den Grünen in die Politik gegangen, erst als Abgeordneter und später dann als Staatssekretär in der Berliner Schul- und Sportverwaltung, weshalb ich mich aus dem Vereinsbereich zurückgezogen habe. 

Wie kam es dazu, dass du jetzt wieder Vorstand geworden bist?  

Wir haben in Berlin einen ziemlichen Niedergang des Vereins erlebt und dann haben mich einige Skater 2011 zurückgeholt. Ich hab dann Konfliktmoderation gemacht und, wie immer wenn man erfolgreich ein Problem löst, heißt es danach, „Bleib doch bitte und mach im Vorstand weiter.“ Parallel gab es auf Bundesebene schon den Trend sich auch bundesweit zu organisieren. Von Olympia war da noch nicht die Rede, sondern eher davon, dass wir eine deutsche Organisation brauchen, die sich um die Interessen der Skater in Deutschland kümmert. Allen war klar, dass es nicht sein kann, dass man das Geschäft nur irgendwelchen Brands und den Bau Kommunen überlässt, die scheiß Sachen von Concrete Rudolph bestellen. Die aktiven Skater selber sind nicht unbedingt fit im Organisieren und Aufbauen von Strukturen, die der deutsche Sport nun mal erfordert. Man träumte von einem deutschen Skateboardverband, hatte aber wenig Ahnung wie sich das zum olympischen Sportbund verhalten sollte und welche Bedingungen da gestellt werden. Ich wurde gebeten den Vorsitz in der im Aufbau befindlichen nationalen Kommission zu übernehmen und die Arbeit besser zu strukturieren. 2013 haben wir endgültig festgelegt, die Pläne für einen eigenen deutschen Skateboardverband fallen zu lassen und uns auf den DRIV zu konzentrieren. Wir haben in Kauf genommen, in den bestehenden Rollsport- und Inlineverband zu gehen, um dort zu versuchen weitgehend unabhängig zu bleiben. Das Präsidium des DRIV hatte auch ein Interesse daran, dass wir uns im Verband organisieren, weil es ab 2012/2013 erste Gespräche in Sachen Olympia gab. In Deutschland war klar, wenn wir da mitmachen wollen, müssen wir auf nationaler Ebene gut organisiert sein. Dann hat das relativ schnell geklappt, dass wir in 12 Bundesländern mindestens einen Verein haben, die uns auch jeweils ihre Beauftragten benennen. Diese Fachwarte, so heißt die offizielle Bezeichnung, sind die Mitglieder in der nationalen Skateboard Kommission.

"Der einzige Weltverband, der Skateboarding offiziell machen darf, ist die FIRS. Das ist der Laden, der von Skateboarding eigentlich null Ahnung und Erfahrung hat"

Das heißt aus diesen Fachwarten hat sich dann der Vorstand gebildet?  

Genau, die 12 Fachwarte haben mich als Vorsitzenden erneut gewählt, sowie meinen Stellvertreter und zwei Beisitzer im Vorstand, einen für das Ressort Finanzen und einen für Leistungssport. Daneben haben wir einen gut funktionierenden Arbeitskreis Sportstätten aufgebaut. Der hat jetzt die Aufgabe eine Erhebung zu machen, welche Skateparks es in Deutschland gibt und wie wir die klassifizieren. Sind die tauglich für regionale Wettkämpfe oder für eine nationale Meisterschaft? Diese Bestandsaufnahme mit einem Anforderungskatalog wie wir Skater uns gute Skateparks in Deutschland vorstellen ist ein wichtiges Projekt, an dem wir gerade arbeiten und wird auch als Broschüre erscheinen. Das ist die erste Bestandsaufnahme die Skater unter eigenem Blickwinkel für sich erstellen um dann auch auf die Kommunen, wo es eben nichts gibt, zuzugehen.  

Ingo [Naschold] macht ja diese Erhebung. Ich will ihm in keiner Weise irgendwas unterstellen, aber er ist ja schon auch befangen, dadurch dass er eine eigene Skatepark Firma hat.  

Das ist ein heikler Punkt. Wir haben mehrfach auch bei anderen Fachwarten das Problem, dass sie sich nicht haben wählen lassen, weil sie so viel Zeit haben und auf Ehrenämter scharf sind, sondern weil sie auch ihr eigenes Business im Hinterkopf haben, sei es im Bereich Eventmangement, oder ein eigener Shop, oder eben einer Skatepark Baufirma. Bei Ingo haben wir auch über das Problem diskutiert, aber im Arbeitskreis sitzen entweder Leute die nicht in dem Business tätig sind oder eben auch die Konkurrenz, wie Max Beckmann und Jan Kliewer von Yamato. Keiner hat da irgendwie das Sagen. Der Arbeitskreis arbeitet der Kommission zu und wir gucken uns dann am Ende das Produkt an. Wir werden das auch völlig frei von Werbung und Firmeninteressen halten.  

Cola Berlin 1984

Cola 1984 in Berlin

Du bist ja zu einer ähnlichen Zeit wie Titus zum Skaten gekommen und kennst ihn sicher. Ich habe gehört, er sei im Streit aus der Kommission geschieden. Stimmt das?  

Zunächst einmal die Vorgeschichte: Als klar wurde, dass Olympia kommt, war auch deutlich, dass das IOC jede Sportart weltweit einem Sportverband zuordnet. Der einzige Weltverband, der Skateboarding offiziell machen darf, ist die FIRS. Das ist der Laden, der von Skateboarding eigentlich null Ahnung und Erfahrung hat, aber die sind nun mal der Weltrollsportverband und organisieren alle Rollaktivitäten. Gary Ream und alle anderen Jungs die da international bei den Amis rumschwirren sind fürs IOC überhaupt keine offiziellen Gesprächspartner. Die haben aber natürlich Ahnung, weil sie Wettbewerbe organisiert haben, und streiten sich wer unter ihnen nun der Wichtigste ist. Das ist dem IOC aber alles egal, die sagen, dass die FIRS zuständig ist und jetzt Tokyo organisieren muss. Dann haben wir gesehen, dass es in der FIRS niemanden gibt, der Ahnung hat und haben überlegt, wir versuchen mit dem Renommee was Titus hat, der FIRS einen Chairman für das Technical Committee anzubieten, zusammen mit Ralf Middendorf. Die FIRS hat dann Titus und Ralf Middendorf akzeptiert, als die Vorsitzenden der technischen Kommission für Skateboarding. Die Enttäuschung war aber, dass der italienische Präsident der FIRS ziemlich eitel und unfähig ist. Die haben gedacht sie könnten das alles selber hinbekommen, indem sie zum Beispiel mit Gary Ream verhandelt haben und Titus und Ralf nicht miteinbezogen wurden. Im Grunde genommen haben die beiden keine Chance gehabt irgendetwas zu beeinflussen und waren entsprechend frustriert. Da hat Titus dann völlig zu Recht gesagt: „Dafür wollen wir nicht geradestehen“, und hat relativ schnell seinen Rücktritt gegenüber der FIRS erklärt. Insofern gab es da zwar Streit, aber das war nicht innerhalb Deutschlands.

Ich wollte dich eigentlich fragen, wie du ISF und FIRS stehst, weil es ist ja alles andere als eine Liebeshochzeit, sondern eine reine Vernunftsehe, die da eingegangen wurde. Aber dein Standpunkt ist ja schon relativ klar rausgekommen.  

Das Verrückte ist, dass die bisherige Situation der letzten Monate echt nur Blockade war. Diese Dreierkommission, die das IOC quasi erzwungen hat, mit einem Vertrag den ISF und FIRS unterschreiben mussten, beinhaltete eine Kommission in der von der FIRS einer drinnen sitzt, dann noch Gary Ream und Neal Hendrix für die ISF. Da war klar, das ist schon mal zwei zu eins und genauso hat Gary Ream das auch verkauft und gesagt: „Ich werde mit der FIRS überhaupt nicht zusammenarbeiten, sondern Neal und ich ziehen das Ding hier durch.“ Das hat aber nicht funktioniert, weil er ja auch unter Druck steht und seine ISF ein paar Probleme hat mit der Weltdopingagentur, weil er Regeln unterschreiben musste, die er nie eingehalten hat bei seinen Wettkämpfen. Da gibt’s jetzt Proteste gegen die ISF und das hat das IOC relativ schnell erkannt und in den letzten Wochen noch Krisengespräche abgehalten, sich ganz eindeutig auf die Seite der FIRS gestellt und gesagt, mit der ISF wird das wohl so nichts. Es ist zwar noch nicht offiziell bestätigt, aber der aktuellste Stand sieht so aus, dass Gary Ream, weil er weiter mitmischen will, den Strohhalm ergreift und vermutlich unter das Dach der FIRS schlüpft. Ob das zur Auflösung der ISF führen wird, darüber streiten sich die ISF-Leute gerade noch. [In der Zwischenzeit wurden die Verhandlungen abgeschlossen und die ISF ist nun tatsächlich mit Gary Ream als Vorsitzendem unter dem Dach der FIRS, Anm. d. Red.] 

"Der Sport muss eine faire Chance für alle Skater bieten sich für Tokyo qualifizieren zu können, egal ob mit oder ohne Sponsor. Da braucht man Regeln die alle akzeptieren und das werden nicht die Regeln von Street League, Nike, Red Bull oder sonst was sein"

Ist das denn tatsächlich alles nötig? Braucht es diese Strukturen und Platzhirschkämpfe?  

Wenn wir in Tokyo eine gute Performance abliefern wollen, haben wir das Problem zu klären wer das Recht hat, die 80 besten Skater der Welt zu nominieren. Da haben wir derzeit die Situationen, dass es keine anerkannten Wettkämpfe gibt, die zu akzeptierten Rankinglisten führen, sondern jeder Verband führt seine eigenen Rankinglisten. Für Park beansprucht die Vans Park Serie sie hätten die Besten bei sich im Team und hofften, dass die von ihnen nominierten Fahrer dann plötzlich olympiareif sind. Das ist fürs IOC völlig inakzeptabel. Der Sport muss eine faire Chance für alle Skater bieten sich für Tokyo qualifizieren zu können, egal ob mit oder ohne Sponsor. Da braucht man Regeln die alle akzeptieren und das werden nicht die Regeln von Street League, Nike, Red Bull oder sonst was sein. Da muss man eine unabhängige Kommission haben und das kann nur die FIRS leisten. Es gibt z.B. die Idee aus jedem der fünf Kontinente werden vier Skater nominiert. Dann hat man 20 Männer und 20 Frauen in jeder Disziplin. So könnte man zu 80 Leuten kommen. Dann steht aber die Frage im Raum, wie man die besten deutschen Streetfahrer finden kann und dazu braucht man am besten eine Europameisterschaft. Deswegen muss man das Wettkampfreglement international vereinheitlichen. Man muss klären, welche Wettkämpfe von allen als hochwertig anerkannt werden und wer die ausrichten soll. Das müssen dann Sportorganisationen sein und nicht mehr Firmen. Dann gibt’s noch die Frage, die  alle natürlich auch interessiert, wer die Anlagen baut. Wie sieht der Streetpark und der eigentliche Skatepark in Tokyo aus und wer legt die Standards fest? Da geht’s natürlich auch um Geld.  

Ich bin überrascht, dass die Street League jetzt scheinbar raus ist als Qualifikationsserie. Ich habe gedacht, dass Street League als letzte Instanz für die Streetqualifikation zumindest schon feststeht.  

Ne, definitiv nicht. Da wird jetzt auch in den Firmenzentralen hart gegrübelt, wie die sich ihre eigene Serie weiter vorstellen. Immerhin hat Vans schon soweit reagiert, dass sie 2017 in Malmö so etwas wie ein European Qualifier Contest machen. Alle in Europa lebenden Skateboarder können da teilnehmen und einer darf dann in der weiteren Serie von Vans mitfahren. Die anderen Teamfahrer werden alle von irgendeinem Vans-Komitee ausgewählt. Da kann man dann schon unterschiedlicher Meinung sein, wer da fehlt und wer dazugehört. Man wird auf jeden Fall so eine Continental Park Series brauchen, die dann aber von jemand anders veranstaltet werden muss.  

Kommission

Treffen der Deutschen Skateboardkommission in Kassel (Cola vorne 4. v. links)

Wie ist denn dann der Qualifikationsmodus? Qualifiziert man sich über nationale Meisterschaften für eine Art europäische Championsleague?  

In Deutschland wird das auf jeden Fall so sein, weil wir eine relative klare Struktur haben und wir natürlich auch die besten deutschen Parkfahrer in einer deutschen Meisterschaft ermitteln müssen. Das ist jetzt auch Thema in der Kommission, für 2018 eine deutsche Park- oder Bowlmeisterschaft zu machen mit dem Problem, dass wir nicht wirklich einen guten international tauglichen Skatepark haben, der die Anforderungen erfüllt von denen wir glauben, dass sie auch in Tokyo eine Rolle spielen werden. So etwas wie Malmö haben wir nicht in Deutschland.  

Northbrigade ist nichts? Ich dachte das ist jetzt offizieller Olympiastützpunkt.  

Nein, das ist nur ein Vorhaben. DJ [Ortsiefer] hat einen Antrag gestellt und möchte das gerne. Wir werden im nächsten Jahr vermutlich einen Plan vorlegen welche deutschen Skateanlagen geeignet sind in einem Netz von Leistungsstützpunkten eine Rolle zu spielen. Aber auch da gibt es Regeln vom Deutschen Olympischen Sportbund. Da gibt es auch Standards und Förderungen, aber da muss der Spitzenverband, also wir, sich erstmal intern einigen wo und wie viele Stützpunkte wir davon überhaupt haben wollen.  

Wenn jemand sich jetzt in die Vereinsarbeit einbringen möchte, wie sind die Partizipationsmöglichkeiten?  

Wir gehen mal davon aus, dass Leute die an dem Thema mitmischen wollen, jetzt nicht irgendwelche Jugendlichen sind, die gerade skaten gelernt haben, sondern Leute die außerhalb des Vereins in der Szene bisher sehr aktiv waren. Die müssen dann einen Verein gründen und dem Rollsportverband ihres Bundeslandes beitreten und dann können wir denen auch Möglichkeiten auf Mitwirkung auf Landesebene bieten, entweder als Fachwart oder in den entsprechenden Arbeitskreisen oder einfach als Gäste. Wenn sie im Verband sind, können wir sie auch ohne Ämter in Arbeitsstrukturen einbeziehen.  

"Angenommen wir sind nicht mehr olympisch, was bleibt uns? Ich will, dass eine nationale Struktur bleibt, mit der wir unsere Sachen weiter organisieren können"

Weil Skateboarding bisher sehr heterogen und dezentral organisiert war, fernab jeglicher Vereinsstruktur, inwiefern ist die Repräsentation aller Skateboarder durch einen Verein oder Verband, an dem nur einige wenige partizipieren, legitim?  

Wir haben darüber bei unserer letzten Sitzung sehr lange und kontrovers diskutiert, wen wir repräsentieren wollen. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass wir ganz unterschiedliche Szenen haben und dass, wer über Skateboard-Deutschland redet, ganz viel Verschiedenes meint. Wir bilden in der Kommission im Grunde genommen alles ein bisschen ab. Die Zahlen sprechen ja auch für sich. Wir haben in Deutschland zurzeit insgesamt 1700 im DRIV organisierte Skateboarder in 12 Bundesländern. [lacht] Dann gibt es vielleicht nochmal ein paar hundert Skater, die in Vereinen sind, aber nicht im DRIV und dann gibt’s hunderttausende von Jugendlichen die aus unterschiedlichen Motiven skaten und die wir sowieso nicht erfassen. Was deren Interessen sind, können wir nur vermuten. Der kleinste gemeinsame Nenner sind gute Skateparks in allen Städten und gute Hallen für den Winter.  

Dieser Aufbau an Vereinsstruktur kostet Geld. Wird das alles durch den Deutschen Sportbund finanziert oder gibt es Mitgliedsbeiträge?  

Man muss ganz deutlich unterscheiden zwischen den beiden Ausgaben- und Einnahmepositionen. Olympisches Geld geht nur für olympische Aktivitäten raus und nicht olympisches Geld kann im Bereich der Vereinsstrukturen eingesetzt werden. Da haben wir jetzt eine irre Diskrepanz. Die Vereine nehmen von ihren Mitgliedern ein bisschen Geld und davon müssen sie einen Teil an den DRIV als Jahresgebühr abführen, was dann in unsere Kasse der Skateboardkommission kommt. In Berlin muss jemand als Jugendlicher fünf und als Erwachsener 7,50 Euro im Monat als Mitglied zahlen. Damit lebt unser Verein und kann Aktivitäten umsetzen und davon geben wir wieder etwas an den DRIV weiter. Auf nationaler Ebene haben wir dieses Jahr einen Etat von 7.000 Euro. Das ist ganz wenig Geld. Damit können wir ein paar Reisekosten finanzieren. Was wir an Strukturaufbau leisten ist alles ehrenamtlich zu managen. Aus der Olympiakasse aber haben wir letztes Jahr einen Geldregen erhalten, der natürlich ganz anders aussieht. Wir haben daher jetzt auch zwei halbe Bundestrainerstellen. Wir kriegen noch die Stelle eines Leistungssportreferenten, die wir im Juni besetzen können. Der soll dann sowohl für Trainingskonzeption, aber auch Marketing und Sponsoring des Nationalteams zuständig sein. Diese hauptamtlichen Stellen dürfen aber nur an Dingen mit Olympia-Bezug arbeiten. Sie sollen Trainingskonzepte entwickeln oder mit der Übungsleiterausbildung anfangen, was wir dann vor Ort auch brauchen. Also Leute die sich mit einer Lizenz vom DOSB Trainer nennen dürfen. Sowas muss man jetzt erfinden und entwickeln. 

Meeting Kassel

Meeting Kassel

Viele, mit denen ich jetzt gesprochen habe, haben immer das Argument gebracht, dass es ja keine Alternative gäbe. „Wir haben es nicht wirklich gewollt, dass es olympisch wird, aber jetzt ist es so und wir müssen das Beste draus machen.“ Ist das auch dein Standpunkt?  

Ich wusste ja, dass dann plötzlich der Geldsegen kommt und war deswegen eher der Meinung, dass der Weg nach Tokyo für uns Chancen bietet die Sportart zu stabilisieren und auch ein paar Strukturen zu schaffen, die auch nach Tokyo sinnvoll sind. Angenommen wir sind dann nicht mehr olympisch, was bleibt uns? Ich will, dass eine nationale Struktur bleibt, mit der wir unsere Sachen weiter organisieren können. Das könnte eine deutsche Wettkampfserie sein und dass wir Kampfrichter ausbilden, die wirklich Ahnung haben und nicht mit der Bierdose dasitzen und nur mit einem halben Auge hingucken.

Ich habe auf der DRIV Seite gegoogelt und gesehen, dass die Partnerschaften mit dem Bundeministerium der Verteidigung und der Bundeswehr haben. In anderen Bereichen ist ein Sportsoldat ja gang und gäbe. Ist das dann auch zukünftig theoretisch möglich, dass es im Skateboardbereich Sportsoldaten gibt?  

[lacht] Das haben wir auch gefragt. In der Skateszene kenne ich niemanden der sagt, er würde als Freiwilliger zur Bundeswehr gehen, um seinen Sport auszuüben. Der eine oder andere hätte aber nichts dagegen gehabt zur Bundespolizei zu gehen, wenn er dann freigestellt wird zwanzig Stunden die Woche zu skaten. Aber diese beiden staatlich geförderten Institutionen stellen für uns überhaupt keine Möglichkeit dar, weil die mit einer vorübergehend olympischen Sportart nichts zu tun haben. Frühestens wenn Skateboarden irgendwann mal zum Kerngeschäft für Olympia gehören wird, würden die etwas mit Skatern anfangen können.  

Man müsste ja zwei oder dreimal dabei sein bis es fester Bestandteil von Olympia wird.  

Genau. Das wird jetzt auch eine Frage fürs internationale Management beim IOC. Wir haben für 2024 ja nur noch zwei Städte im Rennen – Paris und Los Angeles. Alle anderen haben zurückgezogen, weil die weltweite Kritik an den Strukturen, der Korruption, und an den Schäden in Natur und Umwelt massiv ist. Ich habe auch in Berlin politisch dagegen gekämpft, dass wir hier Olympische Spiele haben unter den bisherigen IOC Bedingungen. Aber damit sind nur noch zwei Städte übrig und das IOC wird die Auswahlentscheidung 2018 treffen. Im Jahr danach rechne ich, dass die Amis oder Franzosen sagen werden, was ihre fünf Wunschsportarten sind und da vermuten wir alle, werden die sich auch für Skateboarding entscheiden. Dann ist die Frage fürs IOC, was sie denn nun machen, wenn Sportarten zum zweiten Mal "vorübergehend" olympisch sind. Dann müssten die klären, ob sie uns in die Kernsportarten aufnehmen, was aber bedeutet, sie müssten eine andere Sportart rausschmeißen. Das ist schon seit Jahren ein Thema, womit sie sich irre schwertun. Ringen ist zum Beispiel so eine Geschichte. Es gibt wenig Nationen weltweit die das aktiv betreiben und wenn man mal den europäischen Blick wegnimmt, sind auch manche Leichtathletikdisziplinen wie Hammerwerfen in Asien oder Amerika gar kein Thema. Das zählt alles zu europäischem Sport-Kulturerbe, aber das ist nicht unbedingt Weltsport. Insofern steht denen eine richtig harte Debatte bevor.  

"Die NADA hat jetzt die Liste der Skater, sowie ihre Adressen und kennt ihre Aufenthaltsorte, Wohnungen, Schulen und Unis. Die wird dieses Jahr bei ganz vielen unaufgefordert mal klingeln und sagen: „Bitte ins Röhrchen pinkeln.“"

Dass die Olympischen Spiele ein bisschen erneuert und Sportarten wie Skateboarding aufgenommen wurden, ging auf die Initiative von Thomas Bach zurück, dem Präsidenten des IOC. Hast du mit dem mal persönlich gesprochen, nachdem jetzt Skateboarding olympisch geworden ist?  

Nein, das ist fast unmöglich an den heranzukommen. Es gab Gespräche mit Michael Vesper, dem Chef des Deutschen Olympischen Sportbunds. Der hat natürlich enge Kontakte mit Bach. Wir wissen darüber, dass Bach selber Skaten interessant findet aber unter einem sehr kommerziellen Gesichtspunkt. Der weiß, dass da einfach ein großes und junges Publikum angesprochen wird, was neue Werbepartner und neue Zuschauer generiert. Und da die großen amerikanischen Fernsehgesellschaften der Hauptgeldbringer sind für die Olympischen Spiele war ihm klar, dass die weitere Boardsportarten brauchen, um sich den Anschein von Jugendlichkeit und Frische zu geben.  

Ein Thema das bei Olympia immer zur Sprache kommt sind Dopingkontrollen. Niemand weiß genau was da jetzt laufen wird. Wird es beim COS Cup Dopingkontrollen geben? Wird es im Olympiakader unangemeldete Dopingtests geben?  

In der Sache ist völlig klar, dass Kiffen (also THC) schon immer auf der Liste der verbotenen Substanzen steht. Das ist für die Skateszene die eigentlich relevante Frage. Andere Drogen spielen jetzt nicht so eine große Rolle. Kiffen ist ja nicht wirklich ein Leistungssteigerungsmittel, sondern ein Teil der Lebenskultur. Man macht einen coolen Wettkampf und danach setzt man sich in netter Runde hin und zieht einen durch. Das ist den Skatern deswegen auch kaum vermittelbar gewesen, dass das verboten sein soll. Wir haben jetzt aber bei dem Treffen in Berlin eine Anti-Doping-Schulung gemacht, um ihnen nochmal zu verdeutlichen, was sie da unterschrieben haben, weil sie täglich unangekündigt kontrolliert werden können. Die NADA hat jetzt die Liste der Skater, sowie ihre Adressen und kennt ihre Aufenthaltsorte, Wohnungen, Schulen und Unis. Die wird dieses Jahr bei ganz vielen unaufgefordert mal klingeln und sagen: „Bitte ins Röhrchen pinkeln.“ Wir sind gespannt, ob die sich an die Selbstverpflichtung halten und aufgehört haben zu kiffen. Das ist einfach der größte Risikofaktor. Beim COS Cup Finale in Rust wird die Dopingagentur anreisen, eigene Räume haben und mindestens fünf bis sieben Skater per Zufallsliste oder den Sieger rausholen und pinkeln lassen.  

Wenn jemand aus dem Kader positiv getestet wird, was sind dann die Konsequenzen?  

Die Konsequenz ist, dass die aus dem Team rausfliegen und eine Vierjahressperre für alle offiziellen Skateboard Wettbewerbe kriegen. Ansonsten werden die nicht strafrechtlich verfolgt. Das ist aber trotzdem ein Problem für Fahrer die jetzt bei Nike, Titus oder Red Bull sind, weil irgendwann können bei deren Wettbewerben auch Dopingkontrollen kommen und dann wäre es natürlich scheiße, wenn man da gar nicht mehr starten darf.  

Eisstadion Wilmersdorf 1984

Eisstadion Wilmersdorf 1984

Wenn ich das richtig verstanden habe gibt es Mittel, die man nie und zu keiner Zeit einsetzten darf und Mittel, die man nicht beim Wettkampf einsetzen darf, wozu Drogen zählen. Wäre es denn möglich, außer man ist jetzt im Olympiakader, Drogen zu nehmen solange sie beim Wettkampf nicht positiv getestet werden?  

Das stimmt teilweise, aber nicht praktisch. Kiffen ist bis zu zehn Wochen nachweisbar. Wenn jetzt beim Wettkampf in Rust einer getestet wird und die finden diese Abbauprodukte, dann kann der Athlet zwar sagen, „Ich habe vor drei Wochen gekifft und nicht heute früh“, aber das ist sinnlos, weil die Drogenfahnder sehen einfach, dass sie einen Stoff gefunden haben und es lässt sich nicht zweifelsfrei klären, ob der heute, gestern, oder vor Wochen genommen wurde.

Ein Thema, das auch immer auf dem Tisch kommt, ist das Nationaltrikot. Die Leute fragen sich, ob es ein Nationaltrikot geben wird und ob sich das dann in das olympische Trikot eingliedern muss?  

Es wird wahrscheinlich nur in Tokyo die Verpflichtung geben, dass die Leute sich die Kleidung anziehen müssen, die der Deutsche Olympische Sportsbund für das gesamte deutsche Olympiateam vorsieht. Bis dahin werden wir keine Kleidervorschriften machen. Wir haben mal mit den Skatern diskutiert, ob sie Bock hätten ihre Teamzugehörigkeit ein bisschen zu zeigen, ganz unabhängig davon ob sie müssen. Die Mädels fänden es ganz cool, wenn es z.B.ein Cap geben würde, mit einem Olympialogo oder so. Die Jungs fanden das nicht so cool, also haben wir uns da jetzt nicht geeinigt und es wird erstmal nichts geben. Die verstehen sich auch noch nicht als Team, sondern mehr als ein Haufen von Individualisten.  

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